Archiv für den Monat: Januar 2016

Stoiber kritisiert Flüchtlingspolitik von Merkel

Von Peter Fahrenholz, München, und Nico Fried, Berlin

Die CSU will mit drastischen Maßnahmen eine sofortige Begrenzung des Flüchtlingszustroms erreichen. Der ehemalige Parteichef und bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber forderte eine Schließung der Grenze nach Österreich für Flüchtlinge. Zugleich übte Stoiber in einem Interview derSüddeutschen Zeitung scharfe Kritik an Angela Merkel und setzte der Kanzlerin ein Ultimatum. Merkel habe „maximal bis Ende März“ Zeit, um ihre Ankündigung, die Zahl der Flüchtlinge zu reduzieren, auch tatsächlich umzusetzen.

Deutschland müsse dafür sorgen, dass das Flüchtlingsproblem endlich als europäisches Problem behandelt werde; dazu solle Berlin ankündigen, dass an der Grenze das deutsche und europäische Recht wiederhergestellt werde, wonach kein Flüchtling einreisen dürfe, der aus einem sicheren Drittstaat komme. Eine Schließung der Grenze sei „der einzige Weg“, um den Druck auf die anderen europäischen Länder zu erhöhen, das Problem gemeinsam zu lösen, sage Stoiber.

Das Ziel ist nicht, Merkel „anzugreifen oder abzulösen“

Der Ex-CSU-Chef warf Merkel vor, ihr „Alleingang“ habe zu „schweren Verwerfungen“ in Europa geführt. Die CSU werde alles tun, um einen Kurswechsel bei der Schwesterpartei CDU herbeizuführen, „notfalls auch gegen die Meinung von Frau Merkel“. Der Frage, ob Merkel dann noch Kanzlerin bleiben könne, wich Stoiber aus. Das Ziel sei nicht Merkel „anzugreifen oder abzulösen“ – es gehe darum, dass sie ihre Position ändere.

SPD-Chef Sigmar Gabriel drängte ebenfalls auf eine schnelle Reduzierung der Flüchtlingszahlen. Der Vizekanzler sagte zum Auftakt einer Vorstandsklausur der SPD in der Nähe von Berlin: „Wir müssen es schaffen, den Zuzug zu reduzieren.“ Anderenfalls könne die Integration der Flüchtlinge nicht gelingen. Gabriel forderte, dass bis zum Frühjahr „ein wirksames Abkommen“ mit der Türkei erreicht werden müsse, um den Zuzug zu verringern.

Derweil wollen die Spitzen der Koalition mit einer schnelleren Abschiebung den anwachsenden Zuzug von Asylbewerbern aus Maghreb-Staaten eindämmen. Diese stehen seit den Übergriffen in Köln an Silvester im besonderen Fokus. In Regierungskreisen hieß es, man wolle die Rückführungszentren in den bayerischen Städten Manching und Bamberg für die Asylbewerber nutzen, die vorwiegend aus Algerien und Marokko kommen. Die Zentren waren ursprünglich eingerichtet worden, um Asylbewerber aus den sogenannten sicheren Herkunftsstaaten auf dem Balkan aufzunehmen und ihre in der Regel aussichtslosen Anträge schnell zu bearbeiten. Da die Zahl dieser Asylbewerber stark abgenommen hat, stehen in den beiden Zentren nun Kapazitäten zur Verfügung.

Mittelfristig dürfte sich die Koalition darauf einigen, Algerien, Marokko und Tunesien ebenfalls als sichere Herkunftsstaaten einzustufen, um die Abschiebung zu erleichtern. Die SPD zeigte sich offen für entsprechende Verhandlungen, allerdings wäre im Bundesrat auch die Zustimmung von Ländern nötig, die von den Grünen mitregiert werden.

Lesen Sie das Interview mit Edmund Stoiber mit SZ Plus:

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/fluechtlingspolitik-edmund-stoiber-droht-der-kanzlerin-1.2821529

Premier Cameron in Kreuth

Brüder im Geiste

Englands Premier Cameron bei der CSU – das ist eine Verbindung, die passt. Denn der Konservative von der Insel und die Christsozialen stimmen in vielen Punkten überein – Stichwort Flüchtlinge. Gefragt ist mal wieder: die Kanzlerin.

Von: Nikolaus Neumaier

Stand: 07.01.2016

Angela Merkel macht in Wildbad Kreuth deutlich, dass es darum geht, den Briten so weit wie möglich entgegenzukomme. Nach ihren Worten sollen Entscheidungen gefällt werden, „die – aus unserem Interesse heraus – dazu führen könnten, dass wir ein vernünftiges Paket bekommen, damit Großbritannien Teil der EU bleiben kann“. Das sagte Merkl gestern Abend nach einem Treffen mit Cameron. So sieht es auch der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber. Die CSU, so Ferber, habe viele Gemeinsamkeiten mit Cameron. Das gelte es jetzt zu betonen.

„Es gab zunächst einmal die klare Botschaft, dass wir als CSU wollen, dass Großbritannien in der Europäischen Union verbleibt. Aber auf der anderen Seite auch deutlich zu machen, dass die Forderungen, die Herr Cameron aufgestellt hat, nicht isoliert in Europa stehen, sondern, dass wir als CSU viele Punkte unterstützen.“ Markus Ferber, CSU-Europaabgeordneter

Ferber meint damit die Flüchtlingspolitik. Hier ist die CSU dem britischen Premierminister näher als der eigenen Kanzlerin. Schließlich hat man sehr genau registriert, dass Cameron seine Wahl gewann, weil er versprochen hatte, den Zuzug rigoros einzudämmen. Horst Seehofer will das genau so.

„Es war die Zuwanderung in die Sozialleistungen. Das ist CSU pur. Er konnte es nur auch machen. Wir müssen es noch machen.“ CSU-Chef Horst Seehofer

Sehr sensible Engländer

Ex-Parteichef Edmund Stoiber, der in den letzten Jahren viel in Sachen Europa unterwegs war, nennt darum auch die deutsche Flüchtlingspolitik ein Problem beim Versuch, Großbritannien in der EU zu halten.

„Die Engländer sind hier sehr sensibel gewesen. Ich war selbst überrascht, wie hart er eingestiegen ist, wie sie auch jetzt operieren. Sie sagen, wir nehmen 20.000 Syrer, aber in den nächsten fünf Jahren und wir wählen sie selbst aus. Also Quote nicht. Da sind wir schon weit auseinander.“ Ex-CSU-Parteichef Edmund Stoiber

Übereinstimmung mit den Briten findet die CSU außerdem bei der Forderung, Kompetenzen von der Europäischen Kommissionen auf die Mitgliedsstaaten zurückzuverlagern.

„Ich glaube, wir müssen schon einmal sehen: Dort, wo wir Europa dringend brauchen, bekommen wir nichts zustande. Auf der anderen Seite haben wir aber dort, wo wir Dinge eigentlich vor Ort entscheiden können, nach wie vor Eingriffe aus Brüssel, die keiner versteht – wie die Frage, wie muss eine Kerze abbrennen. Auch der Zugang zu nationalen Sozialversicherungssystemen und sozialen Versorgungssystemen muss nicht in Europa entschieden werden.“ CSU-Europaabgeordneter Markus Ferber

England für Stoiber der „größere Verbündete“ in der Finanzpolitik

Sollten die Briten aussteigen und sollte es zum Brexit kommen, dann fürchtet jemand wie Edmund Stoiber vor allem außenpolitischen Schaden: „Wir würden kleiner, wir würden einen außerordentlich wichtigen Partner verlieren – mit weltweiten Kontakten, ein Mitglied des Weltsicherheitsrates.“

Im „Brexit-Fall“ warnt Stoiber auch vor einer Schieflage in Europa. Bis jetzt sind die Briten auch wichtig für die Machtbalance – auch in der europäischen Finanzpolitik. „Da haben wir in Frankreich nicht den Verbündeten. Da haben wir in England den größeren Verbündeten“, so Stoiber.

Quelle: http://www.br.de/nachrichten/eu-klausur-grossbritannien-100.html