Archiv für den Monat: August 2016

Edmund Stoiber: „Meine Frau fährt abends nicht mehr unbedingt S-Bahn“

Was macht die Angst vor Terror mit uns und wie sollte Politik damit umgehen? Ex-CSU-Chef Stoiber über ein Burka-Verbot, Sorgen der Bürger und warum er auf die Wiesn geht

ZEIT ONLINE: Herr Stoiber, durch die jüngsten Terrorattacken weltweit, in Europa und gerade auch hier in Deutschland ist die Angst bei den Menschen gewachsen, denn die Bedrohung ist noch näher an uns und unser Leben herangerückt. Inwiefern hat sich Ihr Gefühl verändert?

Edmund Stoiber: Mein Sicherheitsgefühl hat sich verändert, ich bin noch wachsamer, aufmerksamer für mein Umfeld geworden. Kürzlich kam mir die Angst sehr nah: Mein ältester, 17-jähriger Enkel war abends am 14. Juli auf der Promenade des Anglais in Nizza unterwegs, als der Anschlag erfolgte. Er hörte die Schüsse, mit denen der Lastwagenfahrer gestoppt wurde, er befand sich lediglich hundert Meter entfernt davon. Er ist in eine Menschenmenge geraten, in der Tausende Menschen in Panik wegliefen. Am späten Abend hörte ich in den Nachrichten von den schrecklichen Ereignissen und machte mir große Sorgen. Um vier Uhr in der Früh erhielt ich dann schließlich die Nachricht, dass mit meinem Enkel alles in Ordnung war.
ZEIT ONLINE: Steigen Sie mit einem befremdlichen Gefühl in die Bahn oder ins Flugzeug?

Stoiber: Ich selbst nehme die Bahn nicht sehr oft. Meine Frau allerdings fährt abends nicht mehr unbedingt mit der S-Bahn. Die Sicherheitsvorkehrungen an den Flughäfen sind hoch und ich habe Vertrauen darin. Außerdem vertraue ich auf das Glück, dass ich nicht zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort bin.

ZEIT ONLINE: Gehen Sie dieses Jahr genauso entspannt aufs Oktoberfest wie in den vergangenen Jahren auch?

Stoiber: Die Angst vor Terroranschlägen rückt näher, aber sie bestimmt nicht mein Verhalten. Deshalb werde ich selbstverständlich auf die Wiesn gehen, auch wenn ein abstraktes Angstgefühl immer mitschwebt. Es ist jedem bewusst, dass auf der ganzen Welt, in Europa und jetzt auch hier in Deutschland Attentate verübt werden. Durch die Anschläge in Würzburg und Ansbach und den Amoklauf in München ist dieses Gefühl präsenter denn je. Aber ich gehe natürlich weiter zu den Spielen des FC Bayern München in der Allianz Arena, ich besuche Veranstaltungen mit vielen Menschen, gehe zu Umzügen, auf Trachtenfeste und in Bierzelte. Ängste darf man nicht verdrängen, aber man muss mit ihnen umgehen und darf sich von ihnen nicht treiben lassen. Wichtig ist, dass man die Angst nie vorrangig zur Grundlage von Entscheidungen macht.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Sie machen trotz größerer Sorge weiter wie bisher, doch es gibt viele Menschen, die aufgrund der Terroranschläge ihr Verhalten verändern. Können Sie das nachvollziehen?

Stoiber: Ich treffe viele Menschen, die für sich entschieden haben, aus Angst vor möglichen Terrorangriffen ihre Lebensweise anzupassen und zum Beispiel nicht mehr aufs Oktoberfest zu gehen. Andere sehen das Sicherheitsproblem durchaus, gehen aber dennoch hin, weil sie sich ihren Spaß nicht nehmen lassen wollen. Die Leute suchen sich ihreUrlaubsziele diesen Sommer anders aus, fahren nicht mehr nach Tunesien, in die Türkei oder nach Ägypten. Die Leute haben aufgrund der Ereignisse Angst, dorthin zu fahren, und sie sind wachsamer. Das kann ich verstehen.

ZEIT ONLINE: Sorgen Sie sich darum, dass Ihre Enkel in einer neuenBedrohungslage heranwachsen?

Stoiber: Ja, sicherlich, das macht mir Sorge. Ich spreche mit meinen Enkeln auch vorsichtig darüber und ich weiß genau, dass diese Mischung aus Vorsicht und Sorge nicht immer einfach zu vermitteln ist. Kinder sollen auf der einen Seite selbstständig werden, sollen den Schulweg alleine gehen und nicht von überfürsorglichen Eltern erdrückt werden. Trotzdem sind viele Eltern und Großeltern besorgter als früher. Kürzlich habe ich aus einer unbestimmten Sorge heraus meine Frau darum gebeten, mit meinen beiden kleinen Enkeln zum fünfzig Meter entfernten Spielplatz mitzugehen. Das Leben ist auf der einen Seite viel angenehmer und bequemer geworden, aber es hat auch eine bedrohliche Seite, und mit beiden muss man umgehen.

ZEIT ONLINE: Ist Angst aus Ihrer eigenen Erfahrung heraus für Politiker hinderlich, um Entscheidungen zu treffen?

Stoiber: Als Politiker hat man immer mit den Ängsten der Menschen zu tun. Angst ist eines der wichtigsten Gefühle des Menschen gerade in Zeiten großer Umbrüche. Die politischen Debatten sind stark von Ängsten dominiert, zum Beispiel der Angst der Menschen davor, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, der Angst vor Terrorismus und Extremismus oder einer Überforderung mit der Integration von Flüchtlingen. Diese Ängste prägen unsere Politik. Die Menschen haben, so belegen es auch aktuelle Umfragen, so viel Angst wie noch nie.

ZEIT ONLINE: Was kann die Politik denn tun, um der Angst der Bevölkerung vor Terror etwas entgegenzusetzen?

Stoiber: Erstens müssen wir die Menschen mit ihren Ängsten ernst nehmen und keine falschen Tabus aufstellen. Durch die hohe Anzahl von Flüchtlingen, die im letzten Jahr teilweise völlig unkontrolliert ins Land geströmt sind, ist die Angst der Menschen gewachsen, dass wir uns terroristische Kriminalität ins Land holen, was mit den Anschlägen von Ansbach und Würzburg bestätigt wurde. Diese besorgten Bürger in die rechte Ecke zu stellen, nur weil sie ihre Ängste offen äußern, ist der falsche Weg. Zweitens muss die Politik konkrete Lösungen anbieten, zum Beispiel mehr Polizisten einstellen mit einer besseren Ausstattung. Fest steht, dass wir uns auf diese neuen Herausforderungen insgesamt neu einstellen müssen.

ZEIT ONLINE: Gehört auch ein Burka-Verbot dazu?

Stoiber: Natürlich, denn in unserem Land, in unserem christlich geprägten Abendland, zeigt man die Gesichter offen. Das gehört zu unserer Leitkultur.

ZEIT ONLINE: Haben Sie schon einmal Angst davor gehabt, eine falsche politische Entscheidung zu treffen?

Stoiber: Angst hatte ich nicht, doch man wägt ab, denkt an die möglichen Folgen, die eine wichtige Entscheidung mit sich bringen kann. Ich habe mir beispielsweise vor der Entscheidung, Kanzlerkandidat zu werden, intensive Gedanken gemacht, ob ich mir diese Herausforderung zutraue. Oder nehmen Sie meine Entscheidung von 2005, nicht ins Kabinett nach Berlin zu gehen. Das sind beides schwerwiegende Entscheidungen gewesen, über die ich lange nachgedacht habe.

ZEIT ONLINE: Die Politik kann die Ängste der Bevölkerung vor Überfremdung ausnutzen, um sich zu profilieren, es gibt Parteien, die mit der Angst vor Überfremdung für ihre Politik werben.Rechtspopulisten sind europaweit auf dem Vormarsch.

Stoiber: Die rechtspopulistischen Parteien schüren Angst. Sie werden nicht wegen ihrer Lösungen gewählt, sondern aus Protest. Die überwältigende Mehrheit derer, die der AfD die Stimme geben, geben sie ihr nicht, weil sie glauben, das Personal der AfD wäre besser als die anderen. Sie wählen sie nur, weil sie mit der Entwicklung der gegenwärtigen Politik nicht einverstanden sind.

ZEIT ONLINE: Ist es legitim, das Thema „Angst vor Überfremdung“ in die politische Programmatik aufzunehmen, weil das die Sorge der Menschen widerspiegelt, oder birgt das die Gefahr, die Angst weiter zu schüren?

Stoiber: Wenn ein Großteil der Bevölkerung Angst vor zu viel Zuwanderung hat, müssen wir das sehr ernst nehmen. Es wäre für die Demokratie äußerst nachteilig, wenn Diskussionen darüber nicht öffentlich geführt werden, sondern nur zu Hause oder am Arbeitsplatz, im privaten Umkreis. Eine verantwortungsvolle Politik darf aber nicht nur mit Angstszenarien arbeiten, sondern muss vor allem Hoffnung machen: Hoffnung auf Zukunft, auf Lösungen, darauf, etwas besser zu machen. Wenn wir dies nicht mehr formulieren, sondern nur noch Ängste schüren, sehe ich schwarz.

Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-08/edmund-stoiber-terrorismus-angst-sicherheit

Stoiber schließt eigenen CSU-Kanzlerkandidaten nicht aus

Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber ist mit der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel erneut hart ins Gericht gegangen. „Merkel nimmt die Ängste der Bürger nicht ernst genug“, sagte Stoiber im Interview mit dem Spiegel.

Offen ließ Stoiber zudem, ob die CSU bei den kommenden Bundestagswahlen einen eigenen Kanzlerkandidaten stellt. „Die Frage kann ich derzeit nicht beantworten. Wir müssen zunächst inhaltlich noch einiges tun“, sagte Stoiber.

Spätestens seit den Anschlägen von Würzburg und Ansbach sei klar, „dass die unkontrollierte Zuwanderung auch ein Sicherheitsproblem bedeutet“. In der Forderung nach einer Obergrenze würde sich der „zentrale Unterschied“ zwischen Merkel und Seehofer manifestieren. Die Umfragen würden zeigen, „dass mittlerweile Horst Seehofer und nicht Angela Merkel den Mehrheitswillen der Bevölkerung ausdrückt“, sagte Stoiber.

Quelle: http://www.pnp.de/nachrichten/bayern/2183964_Stoiber-schliesst-eigenen-CSU-Kanzlerkandidaten-nicht-aus.html