Kirchen können gegenüber Islam offensiver auftreten

Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber mahnt zu einem selbstbewussten Vertreten des christlichen Glaubens in Deutschland. Im Gespräch mit FOCUS Online wünscht sich Stoiber zudem mehr Missionierung durch die Kirche in unserer Gesellschaft.

FOCUS Online: Sie erinnern sich in Ihrem Beitrag für das Buch „Prominente über den Papst“ daran, dass Sie in Ihrer Eigenschaft als bayerischer Ministerpräsident Benedikt XVI. 2006 bei seinem Heimatbesuch auf dem Flughafen in München begrüßt haben. Was ist Ihnen damals durch den Kopf gegangen?

Edmund Stoiber: Das war für mich ein sehr bewegendes Ereignis. Ich kenne Josef Ratzinger seit 1969. Ich bin ihm in seinen verschiedenen Positionen begegnet – als Professor, als Erzbischof von München und Freising, als Vorsitzender der Glaubenskongregation und als Papst. Wenn dieser weltumspannende und polyglotte Mann seine Heimat besucht, die er so sehr liebt, keine offizielle Deutschland-Visite abstattet, sondern explizit einen Besuch zu Hause, dann ist das ein hoch emotionales Ereignis…

FOCUS Online: Hatten Sie Herzklopfen?

Stoiber: Ich habe das natürlich mit Routine überspielt. Ich war schon lange Ministerpräsident und hatte viele nationale und internationale Gesprächspartner erlebt. Doch ein Papstbesuch ist schon von besonderer Qualität. Das ist nicht vergleichbar mit einem Staatsoberhaupt oder Regierungschef. Da kam der Stellvertreter Christi auf Erden. Als Katholik hat mich das tief bewegt.

FOCUS Online: Welcher Gedanke, welche These des Professors Ratzinger oder von Papst Benedikt hat für Sie besonderen Stellenwert?

Stoiber: Mich beeindruckt seine generelle Aussage: Glaube und Vernunft gehören zusammen, sind kein Widerspruch. Glauben und Vernunft werden oft als Widerspruch gesehen. Wie Kardinal Ratzinger ebenso wie Papst Benedikt begründet, Glauben fördere die Vernunft, hat mich sehr beeindruckt. Darüber hinaus nötigt mir sein Bemühen Respekt ab, die Einheit der Katholiken zu bewahren. Die Kirche ist weltumspannend und trotz all ihrer vielen national und regional variierenden Facetten muss der Vatikan diese Kirche zusammenhalten.

FOCUS Online: Kritiker werfen Papst Benedikt allerdings vor, er bemühe sich zu wenig um eine Weiterentwicklung der Ökumene. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Stoiber: Ich kann nachvollziehen, dass es vielen zu langsam geht. Eine Trennung, die nun bald 500 Jahre besteht, lässt sich aber nicht so schnell überwinden. Schon gar nicht wird das gelingen, indem man zum gemeinsamen Abendmahl ruft, ohne sich innerlich mit den Unterschieden der Konfessionen auseinanderzusetzen. Außerdem muss man eines im Blick haben: Die Kirche wächst stark, aber sie wird schwächer in Europa. So sehr der Papst Europäer, Deutscher und Bayer ist, so wenig kann er die Kirche nur aus diesem Blickwinkel betrachten. Er sieht das Selbstbewusstsein der Katholiken in Brasilien, Mexiko und Kuba oder der Katholiken in Asien. Dort leben die Menschen den Glauben noch mit Inbrunst.

FOCUS Online: Das heißt: Die Kritik, wonach die Ökumene zu langsam vorangehe, ist eine rein mitteleuropäische Sichtweise?

Stoiber: Ja, ein schnelles Vorangehen in der Ökumene würde in Teilen der Kirche gar nicht nachvollzogen. Europa ist im Weltmaßstab mittlerweile eine Art Missionsgebiet. Dass Geistliche aus Sambia oder Indien zu uns kommen, ist nicht mehr ungewöhnlich. Gleichzeitig bewegt der Papst bei seinem Besuch in Mexiko eine Million Menschen, die Mühe und Anstrengungen auf sich nehmen, um das Oberhaupt der Kirche zu sehen. Oder in Kuba versammeln sich 600.000 Gläubige, die vom Regime dort nicht gerade gefördert werden. Das zeigt doch, wo die Stärken der Katholischen Kirche liegen. Sie ist – und das meine ich nicht despektierlich – ein wirklicher global Player. All das hat Papst Benedikt auf seiner jüngsten Reise auch sehr beeindruckt, wie er bei unserer Begegnung am Ostermontag zu verstehen gegeben hat.

FOCUS Online: Haben Sie bei Benedikt Enttäuschung darüber ausmachen können, dass er auf anderen Kontinenten gefeiert wird, während bei seinem Besuch in Deutschland im vergangenen Jahr doch eine gewisse Zurückhaltung zu spüren war?
Stoiber: Das sehe ich so nicht. Sein Deutschland-Besuch war ein großer Erfolg. Natürlich gab es Aufrufe zu Demonstrationen und leider haben auch einige gesellschaftliche Gruppen bei ihrer massiven Papst-Kritik den Anstand nicht gewahrt. Doch auf der anderen Seite muss man doch sehen, welche Massen das Kirchenoberhaupt bewegt hat – selbst in Berlin, das nicht gerade ein religiöses Terrain ist. Das war durchaus eindrucksvoll. Papst Benedikt kennt die Debatten darüber, ob die katholische Kirche noch Volkskirche sein muss, oder ob es nicht reicht, wenn sich eine Minderheit zusammenfindet. Für ihn steht unumstößlich fest: Er will die Volkskirche – mit Festigkeit. Und Papst Benedikt geht natürlich dorthin, wo es auch weh tut – nach England, nach Frankreich, in die USA.
„Wir brauchen in der Politik ein wenig mehr Demut“
FOCUS Online: In dem Beitrag für das Buch, das der Sekretär des Papster, Georg Gänswein herausgegeben hat, schreiben Sie auch, die Politik könne manchmal Nachhilfe durch die Kirche vertragen. Was meinen Sie damit?

Stoiber: Wir brauchen in der Politik ein wenig mehr Demut, ein Bewusstsein, dass wir unvollkommen sind. Wir müssen die Verantwortung vor Gott respektieren. So steht es in der Präambel des Grundgesetzes, die heute wohl kaum noch eine Zweidrittel-Mehrheit bekäme. Die Verantwortung vor Gott muss allerdings wieder mehr in den Blickpunkt rücken. Politik muss deutlich machen, dass sie um beste Lösungen ringt, dass es die Absolutheit auf Erden aber nicht gibt.

FOCUS Online: Politik ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, in der insgesamt die Bindung an Glauben und Kirche abnimmt. Sind wir damit auf einem schwierigen Weg – vor allem, weil andere Religionen, wie der Islam, viel offensiver vertreten werden?

Stoiber: Ich wünschte mir schon ein wenig mehr Missionierung durch die Kirche in unserer Gesellschaft. Die katholische Kirche tritt den gesellschaftlichen Veränderungen zu defensiv gegenüber. Die Kirche hat 2000 Jahre überdauert. Sie stellt einen hohen Wert dar. Ich hoffe, dass man sich dessen allseits bewusst ist…

FOCUS Online: Was meinen Sie, wenn Sie mehr Missionierung fordern?

Stoiber: Ich meine vor allem, dass die Kirche selbstbewusster auftreten kann. Natürlich gibt es die schlimmen Fälle des Kindesmissbrauchs in der katholischen Kirche. Da muss man sich Vertrauen zurückerarbeiten. Das ist ein großes Problem, ohne Frage. Aber gegenüber anderen Religionen können die christlichen Kirchen durchaus offensiver auftreten und deutlich benennen, was uns verbindet, aber auch, was uns unterscheidet. Das gilt insbesondere mit Blick auf den Islam. Da können wir durchaus die Weltoffenheit des Christentums, insbesondere der katholischen Kirche betonen…

FOCUS Online: Das müssen Sie erklären?

Stoiber: Man muss sich einmal vor Augen führen, in welchen Ländern es dynamische Entwicklungen, großen Fortschritt gibt. Die katholische Kirche zeichnet Weltoffenheit und Vertrauen in die Zukunft aus, nicht der Blick zurück. Es gibt eine Bereitschaft, Veränderungen in der Gesellschaft aufzunehmen. Gerade die katholische Kirche ist bereit, gesellschaftlichen Wandel zu akzeptieren, auch wenn sie ihn nicht immer gutheißt. Das kann man ruhig offensiv vertreten.

FOCUS Online: Erwarten Sie das von jedem einzelnen Katholiken…

Stoiber: Ich habe ein gutes Beispiel: Auf einem Rückflug von den USA sind wir im Landeanflug nach Frankfurt. Die Stewardessen haben sich auch schon angeschnallt, da rollen zwei Muslime im Gang ihre Gebetsteppiche aus und verrichten ihr Morgengebet. Die Stewardessen haben es nicht gewagt, diesen Passagieren zu sagen, sie sollten sich wieder auf ihre Plätze setzen. Ich habe mir dann vorgestellt, es wären zwei Ordensfrauen kurz vor der Landung aufgestanden, hätten ein Kreuz aufgebaut und zu beten begonnen. Ich bin mir sicher, das Flugpersonal wäre eingeschritten…

FOCUS Online: Ordensfrauen hätten so etwas wohl nie getan.

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