Stoiber in Bild: „Wir müssen unsere Demokratie renovieren“

EX-CSU-CHEF EDMUND STOIBER SAGT IM BILD-AM-SONNTAG­INTERVIEW, WARUM ER VOLKSENTSCHEIDE AUF BUNDESEBENE WILL, WESHALB ER KARL-THEODOR ZU GUTTENBERG EIN COMEBACK IN DER POLITIK WÜNSCHT UND ERZÄHLT, WARUM IHM ANGELA MERKEL EINST AM FRÜHSTÜCKSTISCH DIE KANZLERKANDIDATUR ÜBERLIES

BILD am SONNTAG: Wir sitzen hier am Tisch des berühmtesten Frühstücks der bundesdeutschen Geschichte. Am 11. Januar 2002 servierte Ihnen die CDU-Vorsitzende Angela Merkel die gemeinsame Kanzlerkandidatur der Union auf einem Porzellanteller. Ist ihr das leicht gefallen?

EDMUND STOIBER: Unserem Treffen war eine harte, aber faire Auseinandersetzung vorausgegangen. Den Ausschlag zu meinen Gunsten gab wohl, dass eine Reihe von Ministerpräsidenten der CDU wie Roland Koch, Erwin Teufel und Peter Müller der Meinung waren, dass der CDU der CSU-Vorsitzende Stoiber mehr Erfolg versprach. Die Spendenaffäre der CDU lag noch nicht lange zurück, unsere Schwesterpartei hatte deshalb eine Reihe von Landtagswahlen verloren. Aber: Angela Merkel wäre damals sehr gern selbst gegen Kanzler Schröder angetreten. Doch die Granden der CDU haben ihr das damals nicht zugetraut. Und auf eine Zerreißprobe wollte sie es nicht ankommen lassen.

Ist Ihnen bei Merkels Angebot das Brötchen aus der Hand gefallen?

Nein, denn wir hatten am Tag vorher telefoniert. Ihr war aber sehr an einem persönlichen Gespräch gelegen. Ich habe wegen der Vertraulichkeit ein Frühstück hier in Wolfratshausen vorgeschlagen. Zu meiner Frau habe ich dann gesagt: Du, morgen kommt die Angela Merkel zum Frühstück.

Was gab es denn zu essen?

KARIN STOIBER: Frische Semmeln, Brot, Orangensaft, Kaffee, Wurst, Käse, Marmelade – ein ganz normales deutsches Frühstück eben.

Keine Weißwürste?

Wo denken Sie hin, es war acht Uhr morgens, zu früh für Weißwürste.

Mit welcher Begründung hat Frau Merkel Ihnen 
dann den Vortritt gelassen, und stimmt es, dass sie dafür Ihre Unterstützung für die Übernahme des 
Fraktionsvorsitzes bekommen hat?

EDMUND STOIBER: Angela Merkel hat hier an diesem Tisch deutlich gemacht, dass sie Gerhard Schröder mit ihrem anderen Politikstil und ihrer Biografie gern herausfordern würde. Aber die Hoffnungen in der CDU würden sich mehr auf mich als erfolgreichen Ministerpräsidenten und Wahlkämpfer richten. Das war sehr souverän. Über den CDU/CSU-Fraktionsvorsitz haben wir erst viel später gesprochen, am Tag vor der Bundestagswahl nach einem gemeinsamen Oktoberfestbesuch. Ihr Anspruch, wie einst Helmut Kohl Partei- und Fraktionsvorsitz zu verbinden, war nachvollziehbar und ich habe sie darin auch unterstützt. Friedrich Merz musste den Platz frei machen und sah das als Vertrauensbruch. Heute pflegen wir aber wieder ein gutes persönliches Verhältnis.

Man merkt, wie sehr Sie hier verwurzelt sind. Ist das der wahre Grund dafür, warum Sie über all die Jahre jedes noch so gute Angebot abgelehnt haben, nach Bonn, Brüssel oder Berlin zu wechseln?

Schon als Generalsekretär war ich mehr unterwegs als zu Hause. Die Gründe waren ganz andere. Als Franz Josef Strauß mir 1983 anbot, Bundesverkehrsminister zu werden, da habe ich das wegen meiner damals noch kleinen Kinder nicht getan. Ich war immer ein leidenschaftlicher Politiker, aber ich wollte wenigstens einen Minimalbeitrag zu ihrer Erziehung leisten – und sei es nur beim gemeinsamen Frühstück.

Zu den auch heute noch überraschenden Geschichten gehört, dass Kanzler Schröder Ihnen nach der Niederlage in der Bundestagswahl 2002 bereits ein Jahr später den Posten des EU-Kommissionspräsidenten angeboten hat. Was gefiel Ihnen daran nicht?

Zu meiner Zeit ist man in die CSU vor allem aus Gesinnung eingetreten. Die CSU verkörpert mein Lebensgefühl. Aus ihr habe ich meine Kraft gezogen und der Rückhalt der CSU bei den Menschen hat mich befähigt, auch persönliche Angriffe locker auszuhalten. Viele in der Partei, auch Horst Seehofer, haben damals gesagt: Du kannst jetzt nicht für Schröder nach Brüssel gehen, denn das große Ziel bleibt doch die vorzeitige Ablösung von Rot-Grün.

2005 war Rot-Grün Vergangenheit, Angela Merkel bildete mit der SPD eine Koalition. Sie blieben wieder in Bayern. Schließlich wollten Ihre Parteifreunde, dass Sie in München endlich Platz machen. Haben Sie den Putsch kommen sehen, als Sie 2007 zur Klausurtagung nach Kreuth fuhren?

Mir war bewusst, dass es in Kreuth kontroverse Diskussionen geben würde. Aber ich bin nicht davon ausgegangen, dass man so weit gehen würde. Es war klar, dass ich noch zwei, drei Jahre meine Ämter ausfüllen wollte, um dann auch an der Spitze einen Generationswechsel einzuleiten. Andere wollten etwas anderes.

Quelle: http://www.bild.de/politik/inland/edmund-stoiber/wir-muessen-unsere-demokratie-renovieren-26343212.bild.html

Auszüge stammen aus dem Buch: „Weil die Welt sich ändert: Politik aus Leidenschaft – Erfahrungen und Perspektiven“ von Edmund Stoiber.  Das Buch ist unter anderem hier erhältlich: Link