Stoiber: Ohne Euro bekommen wir Zustände wie vorm Weltkrieg

„Die politischen Folgen haben wir alle zu tragen“: Edmund Stoiber weist Euro-Gegner Bernd Lucke mit einer Wutrede zurecht. Bei Anne Will warnt er vor Hass und Nationalismus – und lobt Brandt und Schröder.

Wenn ausgerechnet der ehemalige Ministerpräsident des Freistaates Bayern eine flammende Wutrede für Europa hält, dann muss wahrlich Außergewöhnliches geschehen sein. So außergewöhnlich sieht Andreas Lucke, Sprecher der Anti-Euro-Partei „Alternative für Deutschland“, zwar gar nicht aus an diesem Abend bei Anne Will. Was er aber sagt, das treibt Edmund Stoiber zur Weißglut – und löst ein Plädoyer für Europa aus, zwei Minuten und 29 Sekunden lang.

Lucke hatte in der ARD-Sendung am Donnerstagabend – wie zuletzt schonim Interview mit FOCUS Online– die Position vertreten, dass Europa den Euro loswerden müsse. „Ich denke, dass der Euro Europa spaltet und der europäischen Einigung schweren Schaden zufügt, denn tatsächlich zerfällt Europa augenblicklich in zwei Teile“, sagte er bei Will. „Ich denke nicht nationalistisch, ich denke im wahren Sinne europäisch, weil ich in großer Sorge bin, dass die europäischen Errungenschaften zunichte gemacht werden.“ Da öffnet der Grünen-Chef Jürgen Trittin bereits den Mund, aber Stoiber, der bis dahin unruhig auf seinem Stuhl gezuckt hatte, kommt ihm zuvor.

„Gegensatz zwischen den Nationen“

„Darf ich Ihnen da mal ein politisches Argument dagegen halten?“, fragt er – und legt los. Sicher, in den 90er-Jahren hätte man einige Länder wie Italien erst gar nicht aufnehmen dürfen. Aber wenn man die Währungsunion jetzt auflöse, „würden Sie in Europa einen politischen Spaltprozess bekommen, den Sie später in keiner Weise mehr eindämmen könnten, mit all den Konsequenzen“. Die gegenwärtigen Demonstrationen gegen Kanzlerin Angela Merkel seien dagegen ein laues Lüftchen. „Sie werden in Europa wieder einen Gegensatz bekommen zwischen den Nationen.“

Stoiber lobt Politiker wie Konrad Adenauer und Robert Schuman, selbst die SPD-Kanzler Willy Brandt und Gerhard Schröder schließt er ein – wie gesagt, es geschah Außergewöhnliches. Aber Stoiber – seit 2007 eine Art Anti-Bürokratiebeauftragter der EU – hat an diesem Abend offensichtlich das Bedürfnis, mal grundsätzlich etwas zu Europa zu sagen, beziehungsweise zu Lucke, der eigentlich Wirtschaftsprofessor ist und nordisch unterkühlt argumentierte. Stoiber dagegen zieht vom Leder.

Da ist es ihm offenbar sogar erlaubt, in der ARD mal kurz aufs ZDF zu verweisen. Im Zweiten lief nämlich kurz vorher der dritte Teil desWeltkriegs-Dramas „Unsere Mütter, unsere Väter“. „Da soll man mal nachdenken, was damals an Hass, an Nationalismus und damit auch an Folgen für Millionen von Menschen entstanden sind“, sagt er. Ohne Euro „würden im Grunde wieder dahin zurückkehren, wo wir vordem Zweiten Weltkrieggestanden haben. Und das halte ich für absolut unmöglich.“

Kluge Politiker mit all ihren Schwächen hätten über die Jahrzehnte „einen großen Job gemacht“, Adenauer, Schröder, Brandt, Merkel, „ich möchte da alle nennen“, sagt Stoiber. „und ich möchte nicht, dass durch solch unausgegorene Vorstellungen von Ihnen letzten Endes dieser Prozess geschädigt wird. Die politischen Folgen haben wir alle zu tragen. Wir hätten Italien nicht aufnehmen dürfen, aber wir haben es nun mal gemacht – und jetzt müssen wir intern mit kleinen Schritten zu einem vernünftigen Ergebnis kommen.“

Stoiber: „Ich bin ja gar nicht nervös“

Und Lucke? Der will Stoiber erst mal beruhigen. Er müsse gar nicht nervös werden, nur weil es die „Alternative für Deutschland“ gebe – angesichts des peinlichen Gründungsauftritts mag man ihm da vielleicht auch gar nicht widersprechen. „Sie sehen, wie die Völker in Europa jetzt miteinander umgehen. Sie sehen, dass in Griechenland Hetze betrieben wird gegen die deutsche Regierung.“

Stoiber („Ich bin ja gar nicht nervös. Ich bin leidenschaftlich, das ist ein Unterschied“) gelingt es allerdings, die Zuschauer mit einem kurzen Einwurf auf seine Seite zu ziehen. „Schon wieder so ein Professor“, sagt er schmunzelnd – eine Anspielung auf Merkels Beinahe-Finanzminister Paul Kirchhoff, den Kanzler Schröder einst abfällig „den Professor aus Heidelberg“ genannt hatte. Für Lucke heißt es an diesem Abend jedenfalls gegen den Ex-Oberbajuvaren: Punktsieg Stoiber. Letztes Beispiel? Lucke: „Können Sie mich nicht mal ausreden lassen?“ Stoiber: „Nein, weil es so schrecklich ist, was sie sagen.“

Quelle: http://www.focus.de/kultur/kino_tv/tid-30214/ex-politiker-bei-anne-will-stoiber-ohne-euro-haben-wir-zustaende-wie-vorm-weltkrieg_aid_944974.html