Stoiber: „Wir erleben den Start einer neuen Ära“

München – Jetzt meldet sich auch der ehemalige Landesvater zu Wort. Edmund Stoiber spricht im Merkur-Interview über die Quantensprünge des FC Bayern, die Freundschaft zu Uli Hoeneß und seinen Lieblingsspieler.

Interview in merkur-online.de

Seit 1964 ist es Tradition in Edmund Stoibers Familie, die Pfingstferien in Italien zu verbringen. Heuer bildet keine Ausnahme – nur unterbricht der frühere Ministerpräsident den Urlaub, um nach London zu fliegen. Seine Frau fragte ihn: „Muss das sein?“ Ja, es muss. Seit über 45 Jahren ist der 71-Jährige Mitglied des FC Bayern, inzwischen fungiert er als Chef des Verwaltungsbeirats, sitzt zudem im Aufsichtsrat. Das Finale der Champions League gegen Dortmund gehört in die Kategorie Pflichttermin.

Herr Stoiber, sagen Sie: Bringen Sie eigentlich Glück oder Pech, wenn Sie bei einem Champions League Finale im Stadion sind?

Ich hoffe, eher Glück. Wobei ich sagen muss, dass ich auch 1999 bei der Niederlage gegen Manchester, 2010 gegen Inter Mailand und letztes Jahr beim Finale dahoam dabei war. Am schlimmsten fand ich übrigens 1999. Ich saß daneben, als UEFA-Präsident Lennart Johansson Franz Beckenbauer schon gratuliert hatte. Und dann kam das Unheil.

In der Politik braucht man Nehmerqualitäten – hat diese Bayern-Mannschaft diese Qualitäten?

Absolut, absolut! Sehen Sie, ich kenne den Basti Schweinsteiger zum Beispiel ganz gut. Er hat gelitten, natürlich, ich habe gemerkt, er trägt eine Last. Jetzt sage ich guten Gewissens: er trug sie. Er ist damit fertig geworden. Viele haben gesagt: Der erleidet einen Knacks, der erholt sich nicht mehr. Von wegen! Er hat eine fantastische Entwicklung genommen, in jeder Hinsicht.

Heikle Frage: Wer ist denn Ihr Lieblingsspieler?

Schweinsteiger. Gleich danach kommt Thomas Müller.

Kann man sagen, dass Schweinsteiger der Kanzler dieser Mannschaft ist?

Ja. Das ist er. Und Müller ist mit seinem Optimismus, gepaart mit seinen fußballerischen Qualitäten ein ganz besonderer Typ. Er gibt nie auf. Ich muss sagen: Diese Generation ist generell anders als die der Effenbergs und Baslers. Man sieht das etwa auf der Weihnachtsfeier: Da sitzt so ein Toni Kroos oder ein Lahm nicht gleich mit einem Wein oder Bier da. Das heute ist eine noch professionellere Generation. Ich finde auch bemerkenswert, dass die Bank bei einem Tor mitjubelt. Das gab es früher nicht, da dachten die Burschen eher: Es kann ja nicht optimal sein, wenn ich nicht spielen darf.

Dass die große Kollegialität Einzug gehalten hat, wird vor allem Jupp Heynckes zugeschrieben.

Heynckes wird als eine der ganz großen Trainer-Persönlichkeiten des Weltfußballs in die Geschichte eingehen. Allein, was er heuer geleistet hat. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Bayern jemals über einen so schlagkräftigen Kader verfügt haben. Letztes Jahr wurde es nach der Nummer 13, 14 kribbelig – heute kannst du bis zur Nummer 22 alle bedenkenlos bringen. So einen Kader musst du erst einmal bei Laune halten.

Für Heynckes war es ein großer Schock, dass der Verein Pep Guardiola ihm im Winter vorgezogen hat.

Sicherlich musste er da erst schlucken. Aber dann ist er beispiellos souverän mit der Sache umgegangen. Und es ist nicht zu leugnen, dass der Guardiola-Coup einen ungeheueren Imagegewinn bedeutet – das soll und wird Heynckes’ Verdienste nie schmälern. In China, in der hintersten Hütte irgendwo in Afrika, haben doch die Leute diese Verpflichtung registriert. Die Entscheidung von Guardiola pro FC Bayern hat den Klub für unzählige Menschen auf der Welt endgültig auf eine Stufe mit Barcelona, Real und Manchester United gebracht.

Waren Sie eigentlich überrascht, dass der ruhige Heynckes und Feuerkopf Matthias Sammer zueinander gefunden haben?

Sammer hat einen Riesenrespekt vor Heynckes – und umgekehrt. Uli Hoeneß hat den Aufsichtsrat früh informiert, dass er sich um Sammer bemüht. Das ist selten und hat uns gezeigt, dass er auf die Personalie großen Wert legt. Sammer ist ein Fußballkenner und akribischer Arbeiter.

Ganz ehrlich: Haben Sie als Aufsichtsrat eigentlich schweißnasse Hände, wenn Sie einen 40-Millionen-Transfer wie Javi Martinez absegnen müssen?

Nein, habe ich nicht. Ich hätte sie, wenn der FC Bayern das Geld nicht hätte und sich für solche Transfers verschulden müsste. Man wollte diesen Spieler und war bereit, diesen überhöhten Preis zu zahlen. Uli Hoeneß hat ja klar gesagt, dass er zehn Millionen zu hoch ausfällt. Aber heute redet keiner mehr über diesen Betrag. Weil jeder sieht, was für eine enorme Verstärkung Martinez ist. Er und Schweinsteiger ergänzen sich, als hätten sie schon immer zusammengespielt. Auch in diesem Fall gebührt Heynckes das Lob – die meisten kannten Martinez ja gar nicht, sogar Franz Beckenbauer hat gesagt: Wer ist denn das?

Ist es weiter der Weg, für Qualität große Summen zu investieren?

Gar keine Frage. Man baut weiter auf zwei Säulen: Talente aus der eigenen Förderung plus gezielte Verstärkungen. Nur mit Eigengewächsen ist es auf höchstem Niveau sehr schwer. Ein Quantensprung waren 2007 die Verpflichtungen von Franck Ribery und Luca Toni. Später dann Arjen Robben. Aber es ist ein Quantensprung, den sich der FC Bayern leisten konnte, weiterhin leisten kann und auch leisten muss, um dieses hohe Niveau aufrecht zu erhalten.

Wie sehen Sie die geballte Kritik am Aufsichtsrat, nachdem man Uli Hoeneß trotz seiner Steueraffäre im Amt beließ?

Rechtsstaatlichkeit bedeutet nicht moralische Vorverurteilung, sondern dass man erst mal die vorgesehenen staatlichen Verfahren abwartet. Außerdem muss man die Rechtsgrundlagen für den Aufsichtsrat sehen: Die Mitglieder des Vereins haben den Präsidenten gewählt und ihn damit in den Aufsichtsrat entsandt.

Ist es denkbar, dass die Causa Hoeneß nach dem Pokalfinale am 1. Juni wieder neu debattiert wird?

Der Aufsichtsrat wird das Thema erörtern, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind. Wir waren gut beraten, so zu entscheiden, nicht allein wegen der beiden anstehenden Finals. Erst mal muss der Sachverhalt vollständig rechtlich geklärt werden.

Wie kann der Verein, wie können Sie Hoeneß zur Seite stehen – auf der Meisterfeier wirkte er geknickt.

Uli Hoeneß weiß, ich bin sein Freund. Und man kündigt ja nicht die Freundschaft, nur weil einer einen Fehler macht – für den er aber natürlich im Rahmen unserer Rechtsordnung geradestehen muss.

Blicken wir auf das Finale gegen Dortmund.

Die Voraussetzungen für dieses Spiel sind ungleich besser als 2010 und 2012. Meines Erachtens ist es ein Vorteil, dass Dortmund eine bessere Mannschaft als Chelsea ist. Die Borussen können und werden nicht nur mauern.

Macht Ihnen beim BVB ein Spieler Angst?

Das größte Talent, das ich in den letzten Jahren gesehen habe, spielt auf jeden Fall ab Sommer in München . . .

Mario Götze.

Ja. Er muss nur noch diesen Abschluss bekommen, wie ihn Robert Lewandowski hat. Götzes Spielkunst begeistert mich. Wie der so auf engstem Raum Ideen umsetzt. Mit ihm werden wir auch die nächsten Jahre international eine große Rolle spielen, ganz sicher. In meinen Augen kann Mario Götze vielleicht sogar der neue Lionel Messi werden.

Wie groß ist das Problem, dass die Generation Lahm in dieses Finale wieder der erhobene Zeigefinger begleitet: Ihr müsst diesen Titel mal holen!

Lahm und Schweinsteiger sind noch Jahre im besten Fußballeralter. Ich denke, die Niederlage letztes Jahr gegen Chelsea hat die gleiche Wirkung wie 1999 die Niederlage gegen Manchester. Die Kraft kam da aus dem Schmerz. Ich bin mir sogar sicher, dass es diese Mannschaft nicht einmal umwirft, wenn sie 0:1 hinten liegt. Weil sie gereift ist, weil sie Selbstbewusstsein hat und weil sie weiß: Wir haben einen Plan, wir können immer Tore machen. Die stehen nicht da und machen hinten dicht und hoffen, dass vorne mal ein Konter passt. In dieser Mannschaft steckt viel mehr Kreativität als in früheren Mannschaften des FC Bayern. Und sie macht kaum Fehler. Wir haben die Chance, auch die nächsten Jahre in Europa ganz vorne mitzuspielen. Das wird nicht das letzte Finale sein. Wir erleben gerade den Start einer neuen Ära.

Geht Ihnen das Herz auf, wenn ein Dante oder Ribery in Lederhosen feiert und sich dabei wohlfühlt?

Das ist ein Imagegewinn für das Land Bayern, den kannst du nicht toppen, das sind unvorstellbare immaterielle Werte. Da haben mich die Leute in Gabun zum Beispiel schon gefragt, was es mit unserer Tracht auf sich hat.

Interview: Heinrich Lemer und Andreas Werner

Das vollständige Interview finden Sie in der Donnerstagsausgabe des Münchner Merkur.

Quelle: http://www.merkur-online.de/sport/fc-bayern/champions-league-finale/fc-bayern-stoiber-erleben-start-einer-neuen-aera-2919164.html