Archiv der Kategorie: Interview

Interviews von und mit Dr. Edmund Stoiber

Wenn US-Firmen bei uns Geschäfte machen wollen, müssen sie EU-Standards akzeptieren

Edmund Stoiber fordert, die Spähattacken der USA zum Anlass zu nehmen, auch in Europa mit der gegenseitigen Bespitzelung endlich Schluss zu machen. Balance zwischen Freiheit und Sicherheit könne Wettbewerbsvorteil sein

Von Florian Eder

Die EU-Kommission wolle sich Macht aneignen, die den Mitgliedsstaaten gebühre, so geht ein oft geäußerter Vorwurf. Erst in dieser Woche beklagte die Bundesregierung, die Brüsseler EU-Schaltzentrale erlaube sich zu viel mit ihren Plänen, die Abwicklung von Pleitebanken zentral steuern zu wollen. Ausgerechnet aus der CSU, die Kompetenzverlagerung besonders kritisch beäugt, kommt nun eine unerhörte Forderung: Ihr Ehrenvorsitzender Edmund Stoiber, der die EU-Kommission in Sachen Bürokratieabbau berät, sieht in den Spähattacken der USA einen Anlass zum Zusammenrücken der Europäer in einem Bereich, der für die EU-Regierungen sensibler ist als jeder andere. Stoiber spricht sich dafür aus, für die Geheimdienste der EU-Staaten eine einheitliche Rechtsgrundlage zu schaffen und so die gegenseitige Bespitzelung zu beenden – zum Vorteil der gesamten Europäischen Union, die sich im Wettstreit mit den großen Wirtschaftsräumen China und Russland, aber auch den USA, damit hervortun könne, Bürgerrechte zu achten. „Ich bin sicher, es wird ein Standortvorteil Europas, die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit herzustellen“, sagt Stoiber.

Die Welt:

Herr Stoiber, alle Geheimdienste betreiben Wirtschaftsspionage, nur der deutsche nicht. Sind wir zu brav?

Edmund Stoiber:

Ich bin außerordentlich überrascht, dass jetzt auch in der FDP Wirtschaftsspionage als neue Aufgabe des BND angesehen wird. Das ist der verkehrte Weg. Man kann das Recht nicht verteidigen, indem man es bricht. Ich halte Wirtschaftsspionage genauso wie Korruption nicht für in Ordnung, da kann ich sie nicht selbst betreiben. Die anderen müssen damit aufhören, nicht wir damit anfangen.

Es gibt die Stimmen, die sagen: Dass die anderen aufhören, ist unrealistisch. Da muss Deutschland mithalten.

Wir brauchen das doch gar nicht, wir sind ein wirtschaftlich erfolgreiches Land und müssen uns nicht auf unlauterem Weg Informationen über Wettbewerber beschaffen.

Kann man die anderen Länder hindern, das zu tun? Ihnen soll es in den 90er-Jahren einmal gelungen sein, die USA zum Abbau einer Horchstation in Bayern zu bewegen. Wie geht das heute?

Wir sind als Europäer die wirtschaftlich stärkste Region der Welt. Wir machen uns manchmal kleiner, als wir sind. Wir sollten heute in diesem Punkt selbstbewusst auftreten. Das Freihandelsabkommen mit den USA müssen wir in einen Gleichklang bringen: Freier Handel muss auch Freiheit bedeuten.

Was heißt das?

Die Nato als nordatlantische Achse verliert an Bedeutung. Deswegen brauchen wir eine neue Achse, von der die USA ebenso wie Europa profitieren. Das Handelsabkommen ist eine absolute Notwendigkeit. Ich fordere kein Junktim, aber Gleichklang: ein Handelsabkommen, aber daneben gleichzeitig auch ein Abkommen zum Datenschutz. Es sollte zwischen der EU und den USA verabredet werden, welche Befugnisse demokratische Staaten im Kampf gegen schwere Verbrechen und Terror unbedingt brauchen, dass aber darüber hinaus die persönlichen Daten der Bürger geschützt werden.

Ein Datenschutzabkommen nach EU- Standards würde als Erstes amerikanische Internetfirmen betreffen. Wie viel Härte kann sich die EU gegen Google und Facebook leisten?

Wer hat denn alles unsere Daten? Google, Facebook, Yahoo, alles US-Firmen – wir Europäer spielen da leider nicht in der gleichen Liga. Deren Umgang mit Daten von Europäern wird überhaupt nicht angemessen kontrolliert, da fehlen weitgehend einfach Regelungen. Die müssen wir schaffen. Wenn diese Unternehmen in Europa Geschäfte machen wollen, dann müssen sie sich an EU-Datenschutzrecht halten.

Wettbewerbsnachteile fürchten Sie dadurch nicht?

Im Gegenteil. Ein Datenschutzabkommen würde den Stellenwert der Freiheit unterstreichen gegenüber Ländern, die andere Systeme haben. Wie wollen wir denn Menschen- und Freiheitsrechte in China oder Russland einklagen, wenn die USA, das Land der Freiheit, sie beim Datenschutz selbst nicht garantiert? Ich bin sicher, es wird ein Standortvorteil Europas, die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit herzustellen.

Für ein Abkommen müsste sich aber doch Europa erst einmal auf gemeinsame Regeln auch für seine Sicherheitsdienste einigen.

Italienische Dienste können Briten abhören, britische Franzosen, französische Deutsche – und umgekehrt. Strengere Beschränkungen gibt es jeweils nur gegenüber den eigenen Staatsbürgern. Warum ist es nicht möglich, dass die EU auch das vereinheitlicht, dass wir eine einheitliche Rechtsgrundlage für die Verfassungsschutzorgane in Europa schaffen? Die aktuelle Affäre sollte der Anlass dazu sein.

Das gibt der EU-Vertrag aber doch gar nicht her.

Schauen Sie, die Diskussion über Grenzen staatlicher Eingriffe in die Privatsphäre von Bürgern und Unternehmen ist eine Diskussion, die nur in freien Staaten geführt werden kann. In China wird das so nicht diskutiert. Das ist doch gerade die Attraktivität der EU, die immer wieder nach einer neuen Begründung sucht. Wir müssen diese Diskussion als eine europäische verstehen, wenn es uns ernst damit ist.

Kommen die EU-Staaten denn dabei auf einen Nenner?

Steinbrück macht sich über Glühlampen lustig – das ist doch das Bild von der EU, das gegenwärtig in der Öffentlichkeit vorherrscht. Politische Projekte fehlen uns. Gerade doch der Skandal um die Ausspähung bietet eine Chance, um zu überlegen: Ist es denn richtig, dass wir, dass Großbritannien und Frankreich EU-Ausländer geheimdienstlich anders behandeln als Inländer? Und ist das noch gerechtfertigt, wo es doch die Freiheitsrechte des Einzelnen sind, die Pressefreiheit, die Gewissensfreiheit, die Europa ausmachen?

Der Europäische Gerichtshof verhandelt über die Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung, die Deutschland noch nicht umgesetzt hat. Zu Recht, wie sich jetzt erweist?

Die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung entstand mit breiter europäischer Mehrheit unter dem Eindruck der Terroranschläge von Madrid 2004 und London 2005. Alleingänge wie von Frau Leutheusser-Schnarrenberger, die diesen geltenden europäischen Konsens jetzt wieder infrage stellt, bringen Europa bestimmt nicht nach vorne. Muss erst wieder eine Bombe hochgehen? Der Gerichtshof wird vielleicht Änderungsbedarf anmelden, und das Urteil sollten wir nun auch abwarten. Ich bin zuversichtlich, dass eine Wertegemeinschaft wie die EU klug zwischen Sicherheit und Datenschutz abwägen kann.

Der Gerichtshof verhandelt immerhin die Frage, ob die jetzige Regelung mit Grundrechten konform ist. Wo ist der Unterschied zum Spähprogramm der USA?

Man muss deutlicher machen: Der direkte Zugriff der Sicherheitsbehörden auf alle Daten ist bei der Vorratsdatenspeicherung gar nicht vorgesehen. Er soll nur unter engen rechtlichen Voraussetzungen in einem zweiten Schritt erfolgen. Was die NSA hingegen macht, ist ja keine Vorratsspeicherung. Der Staat greift dort direkt zu und sammelt – und verwertet – ohne demokratische Kontrolle. Da tickt Europa anders. Sollten die Berichte stimmen, kann die NSA-Praxis so nicht weitergeführt werden. Aber noch einmal: Wenn wir das verändern wollen, dann nur als EU mit 28Ländern. Allein national schaffen das die Deutschen nicht.

 

Wir machen uns manchmal kleiner, als wir sind

Europa sollte den US-Spähattacken selbstbewusst begegnen und Grenzen setzen – das fordert der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber. Dazu böten Verhandlungen über das Freihandelsabkommen Anlass.

Von Florian Eder

Die EU-Kommission wolle sich Macht aneignen, die den Mitgliedsstaaten gebühre, so geht ein oft geäußerter Vorwurf. Erst in dieser Woche beklagte die Bundesregierung, die Brüsseler EU-Schaltzentrale erlaube sich zu viel mit ihren Plänen, die Abwicklung von Pleitebanken zentral steuern zu wollen.

Ausgerechnet aus der CSU, die Kompetenzverlagerung besonders kritisch beäugt, kommt nun eine unerhörte Forderung: Ihr Ehrenvorsitzender Edmund Stoiber, der die EU-Kommission in Sachen Bürokratieabbau berät, sieht in den Spähattacken der USA einen Anlass zum Zusammenrücken der Europäer in einem Bereich, der für Hauptstädte sensibler ist als jeder andere.

Stoiber spricht sich dafür aus, für die Geheimdienste der EU-Staaten eine einheitliche Rechtsgrundlage zu schaffen und so die gegenseitige Bespitzelung zu beenden – zum Vorteil der gesamten Europäischen Union, die sich im Wettstreit mit den großen Wirtschaftsräumen China und Russland, aber auch den USA, damit hervortun könne, Bürgerrechte zu achten. „Ich bin sicher, es wird ein Standortvorteil Europas, die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit herzustellen“, sagt Stoiber.

Die Welt: Herr Stoiber, alle Geheimdienste betreiben Wirtschaftsspionage, nur der deutsche nicht. Sind wir zu brav?

Edmund Stoiber: Ich bin außerordentlich überrascht, dass jetzt auch in der FDP Wirtschaftsspionage als neue Aufgabe des BND angesehen wird. Das ist der verkehrte Weg. Man kann das Recht nicht verteidigen, indem man es bricht. Ich halte Wirtschaftsspionage genauso wie Korruption nicht für in Ordnung, da kann ich sie nicht selbst betreiben. Die anderen müssen damit aufhören, nicht wir damit anfangen.

Die Welt: Es gibt die Stimmen, die sagen: Dass die anderen aufhören, ist unrealistisch. Da muss Deutschland mithalten.

Stoiber: Wir brauchen das doch gar nicht, wir sind ein wirtschaftlich erfolgreiches Land und müssen uns nicht auf unlauterem Weg Informationen über Wettbewerber beschaffen.

Die Welt: Kann man die anderen Länder hindern, das zu tun? Ihnen soll es in den 90er-Jahren einmal gelungen sein, die USA zum Abbau einer Horchstation in Bayern zu bewegen. Wie geht das heute?

Stoiber: Wir sind als Europäer die wirtschaftlich stärkste Region der Welt. Wir machen uns manchmal kleiner, als wir sind. Wir sollten heute in diesem Punkt selbstbewusst auftreten. Das Freihandelsabkommen mit den USA müssen wir in einen Gleichklang bringen: Freier Handel muss auch Freiheit bedeuten.

Die Welt: Was heißt das?

Stoiber: Die Nato als nordatlantische Achse verliert an Bedeutung. Deswegen brauchen wir eine neue Achse, von der die USA ebenso wie Europa profitieren. Das Handelsabkommen ist eine absolute Notwendigkeit. Ich fordere kein Junktim, aber Gleichklang: ein Handelsabkommen, aber daneben gleichzeitig auch ein Abkommen zum Datenschutz. Es sollte zwischen der EU und den USA verabredet werden, welche Befugnisse demokratische Staaten im Kampf gegen schwere Verbrechen und Terror unbedingt brauchen, dass aber darüber hinaus die persönlichen Daten der Bürger geschützt werden.

Die Welt: Ein Datenschutzabkommen nach EU- Standards würde als Erstes amerikanische Internetfirmen betreffen. Wie viel Härte kann sich die EU gegen Google und Facebook leisten?

Stoiber: Wer hat denn alles unsere Daten? Google, Facebook, Yahoo, alles US-Firmen – wir Europäer spielen da leider nicht in der gleichen Liga. Deren Umgang mit Daten von Europäern wird überhaupt nicht angemessen kontrolliert, da fehlen weitgehend einfach Regelungen. Die müssen wir schaffen. Wenn diese Unternehmen in Europa Geschäfte machen wollen, dann müssen sie sich an EU-Datenschutzrecht halten.

Die Welt: Wettbewerbsnachteile fürchten Sie dadurch nicht?

Stoiber: Im Gegenteil. Ein Datenschutzabkommen würde den Stellenwert der Freiheit unterstreichen, gegenüber Ländern, die andere Systeme haben. Wie wollen wir denn Menschen- und Freiheitsrechte in China oder Russland einklagen, wenn die USA, das Land der Freiheit, sie beim Datenschutz selbst nicht garantiert? Ich bin sicher, es wird ein Standortvorteil Europas, die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit herzustellen.

Die Welt: Für ein Abkommen müsste sich aber doch Europa erst einmal auf gemeinsame Regeln auch für seine Sicherheitsdienste einigen.

Stoiber: Italienische Dienste können Briten abhören, britische Franzosen, französische Deutsche – und umgekehrt. Strengere Beschränkungen gibt es jeweils nur gegenüber den eigenen Staatsbürgern. Warum ist es nicht möglich, dass die EU auch das vereinheitlicht, dass wir eine einheitliche Rechtsgrundlage für die Verfassungsschutzorgane in Europa schaffen? Die aktuelle Affäre sollte der Anlass dazu sein.

Die Welt: Das gibt der EU-Vertrag aber doch gar nicht her.

Stoiber: Schauen Sie, die Diskussion über Grenzen staatlicher Eingriffe in die Privatsphäre von Bürgern und Unternehmen ist eine Diskussion, die nur in freien Staaten geführt werden kann. In China wird das so nicht diskutiert. Das ist doch gerade die Attraktivität der EU, die immer wieder nach einer neue Begründung sucht. Wir müssen diese Diskussion als eine europäische verstehen, wenn es uns ernst damit ist.

Die Welt: Kommen die EU-Staaten denn dabei auf einen Nenner?

Stoiber: Steinbrück macht sich über Glühlampen lustig – das ist doch das Bild von der EU, das gegenwärtig in der Öffentlichkeit vorherrscht. Politische Projekte fehlen uns. Gerade doch der Skandal um die Ausspähung bietet eine Chance um zu überlegen: Ist es denn richtig, dass wir, dass Großbritannien und Frankreich EU-Ausländer geheimdienstlich anders behandeln als Inländer? Und ist das noch gerechtfertigt, wo es doch die Freiheitsrechte des einzelnen sind, die Pressefreiheit, die Gewissensfreiheit, die Europa ausmachen?

Die Welt: Der Europäische Gerichtshof verhandelt über die Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung, die Deutschland noch nicht umgesetzt hat. Zu Recht, wie sich jetzt erweist?

Stoiber: Die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung entstand mit breiter europäischer Mehrheit unter dem Eindruck der Terroranschläge von Madrid 2004 und London 2005. Alleingänge wie von Frau Leutheusser-Schnarrenberger, die diesen geltenden europäischen Konsens jetzt wieder infrage stellt, bringen Europa bestimmt nicht nach vorne. Muss erst wieder eine Bombe hochgehen? Der Gerichtshof wird vielleicht Änderungsbedarf anmelden, und das Urteil sollten wir nun auch abwarten. Ich bin zuversichtlich, dass eine Wertegemeinschaft wie die EU klug zwischen Sicherheit und Datenschutz abwägen kann.

Die Welt: Der Gerichtshof verhandelt immerhin die Frage, ob die jetzige Regelung mit Grundrechten konform ist. Wo ist der Unterschied zum Spähprogramm der USA?

Stoiber: Man muss deutlicher machen: Der direkte Zugriff der Sicherheitsbehörden auf alle Daten ist bei der Vorratsdatenspeicherung gar nicht vorgesehen. Er soll nur unter engen rechtlichen Voraussetzungen in einem zweiten Schritt erfolgen. Was die NSA hingegen macht, ist ja keine Vorratsspeicherung. Der Staat greift dort direkt zu und sammelt – und verwertet – ohne demokratische Kontrolle. Da tickt Europa anders. Sollten die Berichte stimmen, kann die NSA-Praxis so nicht weitergeführt werden. Aber noch einmal: Wenn wir das verändern wollen, dann nur als EU mit 28 Ländern. Allein national schaffen das die Deutschen nicht.

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Stoiber: „Wir erleben den Start einer neuen Ära“

München – Jetzt meldet sich auch der ehemalige Landesvater zu Wort. Edmund Stoiber spricht im Merkur-Interview über die Quantensprünge des FC Bayern, die Freundschaft zu Uli Hoeneß und seinen Lieblingsspieler.

Interview in merkur-online.de

Seit 1964 ist es Tradition in Edmund Stoibers Familie, die Pfingstferien in Italien zu verbringen. Heuer bildet keine Ausnahme – nur unterbricht der frühere Ministerpräsident den Urlaub, um nach London zu fliegen. Seine Frau fragte ihn: „Muss das sein?“ Ja, es muss. Seit über 45 Jahren ist der 71-Jährige Mitglied des FC Bayern, inzwischen fungiert er als Chef des Verwaltungsbeirats, sitzt zudem im Aufsichtsrat. Das Finale der Champions League gegen Dortmund gehört in die Kategorie Pflichttermin.

Herr Stoiber, sagen Sie: Bringen Sie eigentlich Glück oder Pech, wenn Sie bei einem Champions League Finale im Stadion sind?

Ich hoffe, eher Glück. Wobei ich sagen muss, dass ich auch 1999 bei der Niederlage gegen Manchester, 2010 gegen Inter Mailand und letztes Jahr beim Finale dahoam dabei war. Am schlimmsten fand ich übrigens 1999. Ich saß daneben, als UEFA-Präsident Lennart Johansson Franz Beckenbauer schon gratuliert hatte. Und dann kam das Unheil.

In der Politik braucht man Nehmerqualitäten – hat diese Bayern-Mannschaft diese Qualitäten?

Absolut, absolut! Sehen Sie, ich kenne den Basti Schweinsteiger zum Beispiel ganz gut. Er hat gelitten, natürlich, ich habe gemerkt, er trägt eine Last. Jetzt sage ich guten Gewissens: er trug sie. Er ist damit fertig geworden. Viele haben gesagt: Der erleidet einen Knacks, der erholt sich nicht mehr. Von wegen! Er hat eine fantastische Entwicklung genommen, in jeder Hinsicht.

Heikle Frage: Wer ist denn Ihr Lieblingsspieler?

Schweinsteiger. Gleich danach kommt Thomas Müller.

Kann man sagen, dass Schweinsteiger der Kanzler dieser Mannschaft ist?

Ja. Das ist er. Und Müller ist mit seinem Optimismus, gepaart mit seinen fußballerischen Qualitäten ein ganz besonderer Typ. Er gibt nie auf. Ich muss sagen: Diese Generation ist generell anders als die der Effenbergs und Baslers. Man sieht das etwa auf der Weihnachtsfeier: Da sitzt so ein Toni Kroos oder ein Lahm nicht gleich mit einem Wein oder Bier da. Das heute ist eine noch professionellere Generation. Ich finde auch bemerkenswert, dass die Bank bei einem Tor mitjubelt. Das gab es früher nicht, da dachten die Burschen eher: Es kann ja nicht optimal sein, wenn ich nicht spielen darf.

Dass die große Kollegialität Einzug gehalten hat, wird vor allem Jupp Heynckes zugeschrieben.

Heynckes wird als eine der ganz großen Trainer-Persönlichkeiten des Weltfußballs in die Geschichte eingehen. Allein, was er heuer geleistet hat. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Bayern jemals über einen so schlagkräftigen Kader verfügt haben. Letztes Jahr wurde es nach der Nummer 13, 14 kribbelig – heute kannst du bis zur Nummer 22 alle bedenkenlos bringen. So einen Kader musst du erst einmal bei Laune halten.

Für Heynckes war es ein großer Schock, dass der Verein Pep Guardiola ihm im Winter vorgezogen hat.

Sicherlich musste er da erst schlucken. Aber dann ist er beispiellos souverän mit der Sache umgegangen. Und es ist nicht zu leugnen, dass der Guardiola-Coup einen ungeheueren Imagegewinn bedeutet – das soll und wird Heynckes’ Verdienste nie schmälern. In China, in der hintersten Hütte irgendwo in Afrika, haben doch die Leute diese Verpflichtung registriert. Die Entscheidung von Guardiola pro FC Bayern hat den Klub für unzählige Menschen auf der Welt endgültig auf eine Stufe mit Barcelona, Real und Manchester United gebracht.

Waren Sie eigentlich überrascht, dass der ruhige Heynckes und Feuerkopf Matthias Sammer zueinander gefunden haben?

Sammer hat einen Riesenrespekt vor Heynckes – und umgekehrt. Uli Hoeneß hat den Aufsichtsrat früh informiert, dass er sich um Sammer bemüht. Das ist selten und hat uns gezeigt, dass er auf die Personalie großen Wert legt. Sammer ist ein Fußballkenner und akribischer Arbeiter.

Ganz ehrlich: Haben Sie als Aufsichtsrat eigentlich schweißnasse Hände, wenn Sie einen 40-Millionen-Transfer wie Javi Martinez absegnen müssen?

Nein, habe ich nicht. Ich hätte sie, wenn der FC Bayern das Geld nicht hätte und sich für solche Transfers verschulden müsste. Man wollte diesen Spieler und war bereit, diesen überhöhten Preis zu zahlen. Uli Hoeneß hat ja klar gesagt, dass er zehn Millionen zu hoch ausfällt. Aber heute redet keiner mehr über diesen Betrag. Weil jeder sieht, was für eine enorme Verstärkung Martinez ist. Er und Schweinsteiger ergänzen sich, als hätten sie schon immer zusammengespielt. Auch in diesem Fall gebührt Heynckes das Lob – die meisten kannten Martinez ja gar nicht, sogar Franz Beckenbauer hat gesagt: Wer ist denn das?

Ist es weiter der Weg, für Qualität große Summen zu investieren?

Gar keine Frage. Man baut weiter auf zwei Säulen: Talente aus der eigenen Förderung plus gezielte Verstärkungen. Nur mit Eigengewächsen ist es auf höchstem Niveau sehr schwer. Ein Quantensprung waren 2007 die Verpflichtungen von Franck Ribery und Luca Toni. Später dann Arjen Robben. Aber es ist ein Quantensprung, den sich der FC Bayern leisten konnte, weiterhin leisten kann und auch leisten muss, um dieses hohe Niveau aufrecht zu erhalten.

Wie sehen Sie die geballte Kritik am Aufsichtsrat, nachdem man Uli Hoeneß trotz seiner Steueraffäre im Amt beließ?

Rechtsstaatlichkeit bedeutet nicht moralische Vorverurteilung, sondern dass man erst mal die vorgesehenen staatlichen Verfahren abwartet. Außerdem muss man die Rechtsgrundlagen für den Aufsichtsrat sehen: Die Mitglieder des Vereins haben den Präsidenten gewählt und ihn damit in den Aufsichtsrat entsandt.

Ist es denkbar, dass die Causa Hoeneß nach dem Pokalfinale am 1. Juni wieder neu debattiert wird?

Der Aufsichtsrat wird das Thema erörtern, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind. Wir waren gut beraten, so zu entscheiden, nicht allein wegen der beiden anstehenden Finals. Erst mal muss der Sachverhalt vollständig rechtlich geklärt werden.

Wie kann der Verein, wie können Sie Hoeneß zur Seite stehen – auf der Meisterfeier wirkte er geknickt.

Uli Hoeneß weiß, ich bin sein Freund. Und man kündigt ja nicht die Freundschaft, nur weil einer einen Fehler macht – für den er aber natürlich im Rahmen unserer Rechtsordnung geradestehen muss.

Blicken wir auf das Finale gegen Dortmund.

Die Voraussetzungen für dieses Spiel sind ungleich besser als 2010 und 2012. Meines Erachtens ist es ein Vorteil, dass Dortmund eine bessere Mannschaft als Chelsea ist. Die Borussen können und werden nicht nur mauern.

Macht Ihnen beim BVB ein Spieler Angst?

Das größte Talent, das ich in den letzten Jahren gesehen habe, spielt auf jeden Fall ab Sommer in München . . .

Mario Götze.

Ja. Er muss nur noch diesen Abschluss bekommen, wie ihn Robert Lewandowski hat. Götzes Spielkunst begeistert mich. Wie der so auf engstem Raum Ideen umsetzt. Mit ihm werden wir auch die nächsten Jahre international eine große Rolle spielen, ganz sicher. In meinen Augen kann Mario Götze vielleicht sogar der neue Lionel Messi werden.

Wie groß ist das Problem, dass die Generation Lahm in dieses Finale wieder der erhobene Zeigefinger begleitet: Ihr müsst diesen Titel mal holen!

Lahm und Schweinsteiger sind noch Jahre im besten Fußballeralter. Ich denke, die Niederlage letztes Jahr gegen Chelsea hat die gleiche Wirkung wie 1999 die Niederlage gegen Manchester. Die Kraft kam da aus dem Schmerz. Ich bin mir sogar sicher, dass es diese Mannschaft nicht einmal umwirft, wenn sie 0:1 hinten liegt. Weil sie gereift ist, weil sie Selbstbewusstsein hat und weil sie weiß: Wir haben einen Plan, wir können immer Tore machen. Die stehen nicht da und machen hinten dicht und hoffen, dass vorne mal ein Konter passt. In dieser Mannschaft steckt viel mehr Kreativität als in früheren Mannschaften des FC Bayern. Und sie macht kaum Fehler. Wir haben die Chance, auch die nächsten Jahre in Europa ganz vorne mitzuspielen. Das wird nicht das letzte Finale sein. Wir erleben gerade den Start einer neuen Ära.

Geht Ihnen das Herz auf, wenn ein Dante oder Ribery in Lederhosen feiert und sich dabei wohlfühlt?

Das ist ein Imagegewinn für das Land Bayern, den kannst du nicht toppen, das sind unvorstellbare immaterielle Werte. Da haben mich die Leute in Gabun zum Beispiel schon gefragt, was es mit unserer Tracht auf sich hat.

Interview: Heinrich Lemer und Andreas Werner

Das vollständige Interview finden Sie in der Donnerstagsausgabe des Münchner Merkur.

Quelle: http://www.merkur-online.de/sport/fc-bayern/champions-league-finale/fc-bayern-stoiber-erleben-start-einer-neuen-aera-2919164.html

„Der Verein ist Uli sehr dankbar…“

Ex-Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber ist Beiratsvorsitzender des FC Bayern. Die tz sprach mit ihm über Wembley, Basketball und die Zukunft von Präsident Uli Hoeneß nach der Steueraffäre.

Edmund Stoiber im tz-Exklusivinterview

So oft es geht, sitzt er im Audi Dome in Reihe eins und fiebert mit den Roten Riesen mit. Bayerns ehemaliger Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber (71) hat sich längst vom ­wachsenden Basketballfieber in München anstecken lassen. Das Herz des FCB-Beiratsvorsitzenden schlägt mittlerweile nicht mehr ausschließlich für die Fußballabteilung des Rekordmeisters, sondern ebenfalls für die Korbjäger des FC Bayern. Die tz traf Stoiber zum ­exklusiven ­Interview und sprach mit ihm über Wembley, Basketball und die Zukunft von Präsident Uli Hoeneß nach der Steueraffäre.

„Mein London-Tipp? Ein Sieg natürlich“

Herr Stoiber, es stehen entscheidende Wochen an für den FC Bayern. Allen voran am 25. Mai das Champions-League-Finale in London. Ihr Tipp?

Stoiber: Ich bin heuer wesentlich optimistischer, als ich es vor den letzten Finals 2010 und 2012 war. Dieses Mal bin ich felsenfest davon überzeugt, dass wir gewinnen, weil wir insgesamt die bessere Mannschaft haben. Balltechnisch gibt es so gut wie keine Stockfehler, fast jeder Spieler kann gleichwertig von der Bank ersetzt werden. Natürlich unterschätze ich Dortmund keineswegs, aber ich habe das Gefühl, dass wir nach den Niederlagen der letzten zwei Jahre nun einfach dran sind. Und die Mannschaft will, hat einen unglaublichen Zusammenhalt sowie mentale Stärke entwickelt. Ich denke, wir können uns auf einen Sieg mit mehr als einem Tor Unterschied freuen.

Und auch die Basketball-Abteilung ist auf einem guten Weg. Seit Sonntag steht das Team von Svetislav Pesic vorzeitig im Halbfinale.

Stoiber: Ja, da kann man ­bereits ein wenig träumen. Die Mannschaft hat sich nach dem Grundstein durch Dirk Bauermann besonders unter Trainer Pesic sehr positiv entwickelt. Sich beispielsweise im Rebounding sehr verbessert. Ich bin sicher, wenn es in diesem Jahr nicht bereits mit der Meisterschaft klappen sollte, dann auf jeden Fall innerhalb der nächsten zwei Jahre.

Das würde besonders einem viel bedeuten.

Stoiber: Ja, Uli Hoeneß hat einen sehr großen Anteil an dem Projekt FC Bayern Basketball. Es ist vor allem das Werk des Präsidenten, der schnell auch die wirtschaftliche Grundlage gesetzt hat, dass sich der Basketball mit einem Etat von etwa neun Millionen Euro im Jahr selber trägt. Dass er nicht der Aktiengesellschaft auf der Tasche liegt und Querüberweisungen braucht, ist toll. Man merkt, dass der Präsident absolut hinter dem Ganzen steht, auch wenn er sich zur Zeit ein wenig zurückhält. Der Verein ist ihm jedenfalls sehr dankbar für sein Engagement und unterstützt ihn menschlich in seiner wirklich schwierigen persönlichen Situation.

Ein Beispiel dafür ist sicherlich die Entscheidung des Aufsichtsrats, den von Uli Hoeneß angebotenen Rücktritt nicht anzunehmen.

Stoiber: Diese Entscheidung habe ich auch als Beiratsvorsitzender unterstützt. Jetzt ist erst einmal abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Es geht zunächst um die klare Beurteilung der Gegebenheiten durch den Staat, durch Finanzbehörden und Staatsanwaltschaft.

Bis diese vorliegt, wird es also keine ­Veränderungen geben?

Stoiber: Es ist ja auch rechtsstaatlich, dass man erst einmal abwartet, bis die Ermittlungen abgeschlossen sind. Und man darf auch die Rechtslage nicht übersehen: Die Mitglieder des Vereins haben Uli Hoeneß zum Präsidenten gewählt und in den Aufsichtsrat der AG entsandt. Nur die ­Mitglieder könnten ihn auch wieder aus den Gremien abberufen. Da sieht es derzeit mehr nach einer großen Solidarisierung aus. Die Mehrheit der Mitglieder sieht in ihm offensichtlich vorrangig den Architekten des heutigen FC Bayern.

Diesen Zuspruch konnte man auch am vergangenen Sonntag im Audi Dome ­spüren. Immer wieder war die Rede davon, dass das ­Mia-san-mia-Gefühl endgültig auch den Basketball ­erreicht hat.

Stoiber: Ja, all die Skepsis, die es vielleicht vor der Entscheidung der Mitglieder zum Thema Basketball gegeben hatte, ist längst verflogen. Mittlerweile sieht man einen Karl Hopfner, einen Matthias Sammer und viele Fußballstars ebenfalls im Audi Dome. Das ist toll! Auch diejenigen, die hauptsächlich Fußballfans sind, beginnen, einen Stolz für den Basketball zu entwickeln.

Wie erklären Sie die Faszination Basketball?

Stoiber: Basketball ist an Spannung nicht mehr zu überbieten. Häufig sind die Schlussmomente eines Spiels nur mit einem spannenden Elfmeterschießen im Fußball zu vergleichen. Und es braucht nicht viel, um diesen Sport auszuüben, es gibt für jeden eine Position – ob groß oder klein. Ich habe früher selber gespielt, da ich meine Klassenkameraden mit 13 Jahren bereits um einen Kopf überragt habe. (lacht)

Herr Stoiber, haben Sie einen Lieblingsspieler im Basketballteam des FCB?

Stoiber: Zum einen Tyrese Rice. Im dritten Spiel gegen ALBA Berlin war es toll, mit welcher Sicherheit er auch die wichtigen Freiwürfe am Ende getroffen hat. Und dann natürlich Steffen Hamann. Er ist einfach ein Aushängeschild des deutschen Basketballs. Ihm gelingt es immer wieder, seine Mannschaft zu motivieren und mitzureißen – genauso wie das Publikum. Aber wissen Sie, was mir allgemein unglaublich gut gefällt?

Nämlich?

Stoiber: Die Mannschaft hat einen tollen Zusammenhalt entwickelt! Ich sitze im Audi Dome jedes Mal gegenüber von Trainer Svetislav Pesic und der Auswechselbank. Und da bemerke ich immer wieder, dass kein Spieler teilnahmslos am Rand sitzt, weil er momentan nicht auf dem Feld steht. Ganz im Gegenteil! Jeder feuert jeden an. Und es gibt keine Schimpferei untereinander, wenn einmal etwas nicht klappt. Das ist die Grundlage, wenn du wirklich nach der Meisterschaft greifen willst! Und noch etwas: Mittlerweile wird die Mannschaft ebenfalls mit den Anfeindungen in fremden Hallen fertig. Seit dem Amtsantritt von Svetislav Pesic hat wirklich jeder verstanden, was es heißt, für den FC Bayern zu spielen. Das Team hat sich toll entwickelt und wird es auch weiterhin tun, daran wird intensiv gearbeitet.

Sie sprechen Neuverpflichtungen an?

Stoiber: Da weiß ich nichts Konkretes. Aber ich weiß, dass die Verantwortlichen bereits daran arbeiten, die Mannschaft weiter zu verstärken. Gerade, wenn im kommenden Jahr auch in der Euroleague gespielt werden sollte, ist eine tiefe Bank sehr wichtig. Das hat man in dieser Saison bei Berlin und Bamberg gesehen. Ich bin sicher, dass die Mannschaft noch stärker werden wird. Und es würde mich sehr freuen, wenn mehrere deutsche Mannschaften in Zukunft europäisch eine größere Rolle spielen würden.

Und damit der Basketballsport in Deutschland noch populärer wird.

Stoiber: Genau. Natürlich liegt mir in erster Linie der FC Bayern am Herzen. Aber ich habe auch die Entwicklung dieses Sports im Allgemeinen im Blick. Es wäre gut, wenn noch weitere deutsche Fußballvereine dem Beispiel des FC Bayern folgen würden.

Die ganze Familie fiebert mit

In München könnte der Bau einer neuen Halle ebenfalls ein weiterer Schritt sein.

Stoiber: Es gibt Überlegungen in diese Richtung und Investoren, die durchaus ­interessiert sind, das zu unterstützen. Möglicherweise gemeinsam mit dem Eishockey. Ende des Jahrzehnts hoffe ich auf eine große Halle für 10 000, 12 000 Leute. Aber schon der Audi Dome entwickelt sich neben der Allianz Arena zu einem wichtigen Gesellschaftstreffpunkt.

Ihre Frau begleitet Sie häufig dorthin. Haben Sie Ihre Familie bereits mit der Begeisterung für Basketball angesteckt?

Stoiber: Absolut! Meine Frau ist durch mich zum Basketball gekommen, mein Sohn hat damals auf dem Gymnasium selbst gespielt. Und die zwei großen meiner fünf Enkel sind ebenfalls absolute Fans. Die beiden identifizieren sich mit einem Steffen Hamann genauso wie mit einem Thomas Müller. Als ich ihnen Karten für das letzte Playoff-Spiel gekauft habe, ­haben sie gesagt: Opa, du bist der Größte! (lacht)

Interview: Lena Meyer

Edmund Stoiber zum Kruzifix-Urteil von 1995

Als er von der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts erfuhr, war der damalige Ministerpräsident Stoiber „tief getroffen“. Er stellt klar: Die Kreuze bleiben.

von Christine Strasser, MZ

Wie haben Sie empfunden, als Sie 1995 vom Kruzifix-Urteil erfahren haben? Könnten Sie Ihre Reaktion beschreiben?

Ich war tief getroffen von dieser Entscheidung, weil sie die christliche Entwicklung und Prägung unseres Landes völlig negiert hat. Die religiösen Empfindungen vieler Christen und das Lebensgefühl der überwältigenden Mehrheit der Bayern waren massiv verletzt. Mir war sofort klar: Wir müssen alle verbleibenden politischen und rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, damit die Kreuze in den Klassenzimmern hängen bleiben können.

Warum haben die Menschen in Bayern eine besondere Beziehung zum Kruzifix?

Weil es, wie die Kreuze auf unseren Bergen zeigen, wesentlicher Teil unserer Identität ist. Dies wird in Bayern auch von Menschen anerkannt, die dem christlichen Glauben oder der Amtskirche fernstehen. Das Urteil hat damals eine Flut von Beschwerden und Anrufen in der Staatskanzlei ausgelöst, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Auf dem Münchner Odeonsplatz sind 30.000 Menschen meinem gemeinsamen Aufruf mit den christlichen Kirchen gefolgt und haben unter dem Motto „Das Kreuz bleibt“ demonstriert. Das war eine der beeindruckendsten Veranstaltungen, die ich erlebt habe.

Was halten Sie von der derzeitigen Regelung bezüglich der Kreuze in Klassenzimmern?

Diese Regelung geht auf eine Initiative der bayerischen Staatsregierung unter meiner Verantwortung zurück. Grundsätzlich wird in jedem Klassenraum ein Kreuz angebracht – sollten deshalb tatsächlich einmal Konflikte entstehen, ist ein Verfahren zur Lösung vorgesehen. Das Gesetz hat sich aus meiner Sicht außerordentlich bewährt, weil es dem Spannungsbogen zwischen der christlichen Prägung Bayerns und der individuellen Freiheit in einem säkularen Land gerecht wird.

Warum haben Sie sich damals dafür ausgesprochen, dass Kreuze in bayerischen Klassenzimmern hängen? 

Dieses Urteil des Bundesverfassungsgerichts hat Bayern in seiner Substanz getroffen. Ich habe die Entscheidung damals zwar formal respektiert, aber nicht inhaltlich akzeptiert – das war für mich ein Gebot meines Amtseids als Ministerpräsident. Natürlich müssen in einem Rechtsstaat die Interessen von Minderheiten geschützt werden. Aber man muss aufpassen, dass nicht eine intolerante Minderheit der Mehrheit ihren Willen aufzwingt.

Quelle: http://www.mittelbayerische.de/index.cfm?pid=10009&pk=909229&p=1

Die politische Klasse hat unverdienter Maßen ein grundnegatives Image.

Edmund Stoiber über den Politikalltag, Kondition, die Schnelligkeit der Medien, das Ansehen von Politikern, seine Reden und warum er Politik gerne mit Fußball vergleicht.

Herr Stoiber, wann sind Sie heute Morgen aufgestanden? Wie beginnt Ihr Tag?
Stoiber: Der Tag beginnt für mich jetzt etwas später als noch als Ministerpräsident. Ich stehe so um 6 Uhr auf und mache dann erst mal eine halbe Stunde Sport, sitze auf dem Fahrrad-Hometrainer oder halte mich mit anderen Übungen fit, in der aktiven Zeit bin ich dazu fast nie gekommen.
Danach lese ich intensiv Zeitung, den Münchner Merkur, die Süddeutsche, BILD, FAZ und die WELT, daneben auch schon am Abend vorher online, frühstücke mit meiner Frau – und etwa um viertel nach 9 verlasse ich dann das Haus, sofern ich nicht nach Brüssel fliegen muss – dann geht es früher los.

Der Arbeitstag eines Politikers ist lang, viel Zeit für Privatleben und zum Schlafen bleibt nicht. Wie gut ist es Ihnen in der aktiven Zeit gelungen, dennoch einen normalen Familienalltag zu leben?
Stoiber: Ich brauche Gott sei Dank nicht so viel Schlaf. Aber so wie ich gelebt habe, das wäre schwer möglich gewesen, wenn meine Frau voll berufstätig gewesen wäre, mit drei Kindern. Abends war ich in der Regel nicht zu Hause, zusammengekommen sind wir vor allem morgens. Das Frühstück hatte natürlich ein gewisses Tempo, zehn, fünfzehn Minuten, aber da kriegte ich dann mit, wenn es mit den Englisch-Hausaufgaben Probleme gab, ein Lehrer blöd war, oder dass die Tochter Liebeskummer hat.
Es gab gewisse Rhythmen, wie Ski fahren zu Weihnachten, Ostern und Fasching. Ich habe auch versucht, die Sonntag-Nachmittage für die Familie zu blockieren. Und 1982/83, als Franz Josef Strauß wollte, dass ich als Verkehrsminister nach Bonn gehe, habe ich abgelehnt. Meine älteste Tochter war damals zehn, die zweite vier und mein Sohn zwei Jahre alt, da war mir bewusst: Das geht nicht. Der Preis ist zu hoch.

Wie viele Termine hatten Sie während Ihrer Amtszeit am Tag?
Stoiber: Etwa sechs bis sieben, zu unterschiedlichen Sachverhalten, zum Beispiel mit Handwerksverbänden, Europapolitikern, dann kommen persönliche Gesprächspartner, du sprichst in der Fraktion, danach hältst du vielleicht eine 30-minütige Grundsatzrede vor 300 Schülern… Dieser Wechsel ist natürlich reizvoll, bedeutet aber auch sechsmalige Vorbereitung, wenn man Substanz abliefern will. Von der Staatskanzlei bekommt man für jeden Bereich eine Mappe, wo jeweils drin steht, um welches Thema und welchen Schwerpunkt es geht – du musst sie nur lesen. Das ist manchmal ein Zeitproblem.

Wie oft waren Sie krank?
Stoiber: Ich habe das mal nachgeschaut, ich bin in den 14 Jahren als Ministerpräsident keinen einzigen Tag durch Krankheit ausgefallen. Das bedeutet nicht, dass man nicht mal krank ist, aber wenn ich schlecht beieinander war, konnte ich das verdrängen.
In der Politik brauchst du generell eine gute Konstitution. Angela Merkel hat zum Beispiel eine hervorragende Konstitution, sie hat eine schnelle Auffassungsgabe, wo sie geht und steht nimmt sie die Dinge auf.

Helmut Kohl verschob einst eine dringende Operation, um einen CDU-Parteitag leiten zu können…
Stoiber: Bei Kohl war das damals 1989 beim Bremer Parteitag eine Situation, wo er gespürt hat, dass es eine Front gegen ihn gibt.

Hätten Sie auch so gehandelt?
Stoiber: Wohl ja. Das ist vielleicht auch mein Pflichtbewusstsein. Die sogenannten Sekundärtugenden, Disziplin und Fleiß waren mir immer sehr wichtig.

Kann die Kondition eines Politikers letztlich politikentscheidend sein, in einem Verhandlungsmarathon beispielsweise?
Stoiber: Ja klar, wenn Sie mitten in der Diskussion sind und es wird 1 Uhr, 2 Uhr, halb drei, es geht um wichtige Dinge… Da stellt sich schon die Frage: Ist jemand aus konditionellen Gründen zu gewissen Zugeständnissen bereit?

Könnten Sie ein Beispiel nennen?
Stoiber: Es gab zur Regierungszeit Schröders mal eine Situation im Vermittlungsausschuss, wo Joschka Fischer in einer langen Verhandlung plötzlich erklärte, dass steuerliche Belastungen für die Landwirtschaft kein Tabu seien. Da habe ich zum Schröder gesagt: „Der Herr Außenminister scheint die Problematik der Landwirtschaft nicht in ihrer Breite zu kennen, Herr Bundeskanzler, wenn Sie das so weiter laufen lassen, melde ich eine Grundsatzaussprache zur Landwirtschaft an, die ich eröffnen werde.“ Daraufhin hat Schröder zu Fischer gesagt: „Du, der Stoiber meint das wirklich ernst.“ Das wollte er vermeiden, er hat mir zugetraut, dass ich nachts um halb zwei in dem Kreis eine Stunde lang über die Besonderheiten der Landwirtschaft diskutiere. Ich hätte das sogar gemacht, um eine Abstimmung über diese Frage zu verhindern. So schnell werde ich Gott sei Dank nicht müde.

Zum Politikalltag gehören auch die Reden. Vermissen Sie es, Reden zu halten?
Stoiber: Nein, ich vermisse das nicht. Ich kann mich ja vor Einladungen kaum retten.

Wer lädt Sie ein?
Stoiber: Das geht vom Ehrenamtsempfang in meiner Heimat über die Medientage in München bis zum Wirtschaftsrat der Union in Hamburg oder der Jungen Union Rheinland-Pfalz. Besonders interessiert sind junge Leute, Studierende. Viel Zeit verwende ich für mein Ehrenamt in Brüssel als Vorsitzender der High Level Group zum Bürokratieabbau. Das bedeutet unzählige Veranstaltungen in ganz Europa. Es gibt offenbar eine gewisse Sehnsucht nach Elder Statesmen; Helmut Schmidt gilt als das Gewissen Deutschlands, Kurt Biedenkopf macht Gott sei Dank weiterhin kluge Einwürfe, doch Ministerpräsidenten wie Roland Koch, Erwin Teufel oder Bernhard Vogel haben sich stark zurückgezogen. Auch deswegen habe ich einen Druck an Einladungen und es gibt die Erwartung: Der Stoiber geht ins Grundsätzliche, der ist jetzt vom Zwang der Tagespolitik befreit. Das ist schon klar, man hat jetzt nicht mehr die Verantwortung. Als Parteivorsitzender reden Sie ja nicht für sich.

Was empfinden Sie vor einer Rede?
Stoiber: Es ist bei jeder Rede eine gewisse Anspannung, weil man keine Routine abliefern will, man versucht, seine Botschaft so gut wie möglich rüber zu bringen. Das gelingt nicht immer, das spürt man dann auch, ob es gut läuft. Und es hängt natürlich auch vom Publikum ab.
Politik zu vermitteln ist auch schwieriger geworden, immer weniger Politiker können ein Bierzelt oder einen großen Marktplatz füllen.

Woran scheitert das?
Stoiber: An der Komplexität der Politik. Diskutieren Sie mal über Aufgabe und Mandat der Europäischen Zentralbank. Wie sieht es wirklich aus in Spanien, Portugal, Griechenland? Gelingt es uns, bei den Menschen eine Nachdenklichkeit hervorzurufen, also nicht nur diese Aversion „warum zahlen wir für die Griechen? Die müssen sich mehr anstrengen“, sondern, dass die Menschen auch darüber nachdenken, welche Folgen die Sparpolitik für den normalen Griechen hat.
Man will die Menschen politisch interessieren, auch überzeugen, sich zu engagieren. Das ist bei der Vielfältigkeit, mit der die Menschen heute belastet werden, schwieriger als gestern.

Reden scheinen heute weniger Macht zu besitzen, kaum eine bleibt den Menschen im Gedächtnis.
Stoiber: Das mag sein. Doch Parteitagsreden beispielsweise sind für die Nachhaltigkeit der Partei nach wie vor von großer Bedeutung.

Aber wird nicht immer das Gleiche gesagt?
Stoiber: Nein, man setzt immer andere Schwerpunkte. Allerdings ist es nicht leicht, einen Schwerpunkt zum Beispiel auf den Syrien-Konflikt und dessen Auswirkungen zu setzen, weil die Deutschen Engagement in der Außenpolitik nicht besonders goutieren. Da ist das Interesse wesentlich geringer als bei innenpolitischen Fragen. Wenn es um die Rente oder die demographische Entwicklung geht, erreicht man die Leute eher, wenn ich etwa darüber spreche, dass die Europäische Union gegenwärtig 500 Millionen Einwohner hat, es in vierzig Jahren aber nur noch 450 Millionen sein werden, während die Weltbevölkerung weiter wächst.

Gibt es Tricks, Redensarten bei denen einem die Aufmerksamkeit gewiss ist?
Stoiber: Ich stelle fest, dass man am besten verstanden wird, wenn man Vergleiche aus dem Fußball bringt, wenn man große komplizierte Sachverhalte einfach erklären kann. Sie treffen mit öffentlichen Äußerungen ja auf Menschen unterschiedlichster Erfahrungen und unterschiedlichster Kenntnisse, laut einer Allensbach-Studie sind 50 % der deutschen Bevölkerung politisch desinteressiert. Doch was Champions-League ist, wissen die Leute.
Lula, der brasilianische Präsident hat einmal bei einer Umweltkonferenz (Kopenhagen) zu den europäischen Vertretern gesagt: „Ihr könnt einmal, zweimal mit 10 Mann gegen 11 spielen, aber auf die Dauer wird das schwierig für euch.“ Damit meinte er die demographische Entwicklung in Europa, treffender kann man das Thema gar nicht ansprechen. Wenn ich das den Leuten so erkläre, bekomme ich große Aufmerksamkeit.

Am bekanntesten ist vermutlich Ihre Transrapid-Rede geworden, für die Sie viel Häme haben einstecken müssen. Wie sind Sie damit umgegangen?
Stoiber: Diese Häme hat mich nie wirklich berührt. Es gibt da ja zwei Welten: Einerseits die Welt derer, die mit Spott und Hohn über so etwas herziehen, eine Medienwelt, die sich Jahre danach an dieser Rede erfreut, mit unglaublichen Klicks und Kult. Aber das hat mich nicht geschmerzt, weil ich auf der anderen Seite immer die große Mehrheit der Bevölkerung hinter mir hatte. Überall wo ich hingekommen bin war die Bude voll, ich habe eine Fülle von Wahlkämpfen gemacht, immer über 50 Prozent geholt.. Für den Politiker zählt der Rückhalt in der Bevölkerung.

Was genau hat Sie damals eigentlich so aus dem Konzept gebracht?
Stoiber: Das war Anfang 2002, ein außerordentlich dichter Tag, an dem ich mehrere Reden zu verschiedensten Themen gehalten habe, und der letzte Termin war abends der Neujahrsempfang der Münchner CSU. Da wollte ich den Leuten nur nochmal klar machen, was der Transrapid als schnelle Verbindung zum Flughafen bedeutet, dass letzten Endes schon der Bahnhof zu einer Art Gate wird und dass damit auch Ostbayern, West- oder Südbayern besser an den Flughafen angebunden werden. Die Leute im Saal haben das übrigens auch so verstanden.
Die „Heute-Show“ sammelt ja solche Versprecher, das ist das Tollste, was der Moderator da rauszieht. Ich sehe das selbst gerne und kann mich darüber amüsieren. Aber jeder will natürlich vermeiden, dort rein zu kommen. Deswegen beginnen viele schon mit der Schere im Kopf zu reden, zu handeln oder sich zu bewegen, damit sie nicht in die Gefahr geraten, als Depp dargestellt zu werden.

Hatten Sie im Laufe Ihrer Politiker-Karriere zunehmend Gefühl, den Gesetzen der Medien gehorchen zu müssen?
Stoiber: Die Medien sind für den Politiker ja entscheidend, sie sind der Transmissionsriemen zur Bevölkerung.

Aber der hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert.
Stoiber: Sicher, früher brauchte ich Rundfunk, Fernsehen und Zeitungen, heute kann ich mit dem Internet viel schneller viele Menschen erreichen. Das verändert die Politik ganz entscheidend.
Und es gibt keinen Radiergummi mehr. Früher ist ein eckiger Satz in einer Rede verklungen, heute bleibt alles was du sagst, bestehen. Die parteiliche Diskussion ist heute auch viel öffentlicher, was zur Folge hat, dass das Wägen des Wortes immer gewichtiger wird. Du hast dann oft eine politische Debatte mit sehr abgewogenen Äußerungen, die sich von der Diskussion am Stammtisch – wo es die Political Correctness nicht gibt – weit entfernt hat. Auch deshalb ist der Franz Josef Strauß in der älteren Bevölkerung noch so populär. Bei dem haben die Leute gemerkt: Der redet wie wir. Meine eigenen Interviews, die ich früher als Generalsekretär gegeben habe, die könnte ich heute so nicht mehr geben. Die wären heute nicht politisch korrekt, da würde intern und extern nur über die Wortwahl diskutiert.

Wie haben Sie Journalisten wahrgenommen, glauben Sie zum Beispiel, dass manche Politikjournalisten gerne mitregieren würden?
Stoiber: Es gibt schon Journalisten der Top-Ebene, die wissen: Wenn sie ihren Leitartikel in eine bestimmte Richtung schreiben, hat der eine gewisse Wirkung, bis in die jeweilige Partei hinein. Es ist allerdings seltener geworden, früher, in den 60er/70er Jahren gab es starke Leitartikler, die sich auch ganz klar geoutet haben, wo sie politisch stehen.

Doch auch heute wittert man hier und da Kampagnen-Journalismus, Christian Wulff beispielsweise musste aufgrund des Drucks der Medien zurücktreten, ohne dass ihm eine Straftat nachgewiesen wurde.
Stoiber: Bei Christian Wullf war mit den staatsanwaltlichen Ermittlungen im Grunde genommen eine gewisse Verurteilung schon gegeben. Sie können als Politiker oft Ihr Recht nicht so geltend machen wie ein Normalbürger. Denn wenn ein Verdacht auf unkorrektes Verhalten aufkommt, wird der von vielen zunächst als gegeben betrachtet. So ein Verdacht wird in den Medien heute auch viel schneller ausgesprochen als früher. Die Recherche mancher Journalisten ist bei weitem nicht mehr so sorgfältig wie bei Ihren Vorgängern. Im Internet, wo stündlich Nachrichten produziert werden, sind die Kollegen immer auf der Suche nach einer absoluten Bombe. Und die schnelle Schlagzeile lässt sich der ein oder andere nicht mehr zerstören, in dem er nochmal gegencheckt.

Hat diese Schnelligkeit die Politik verändert?
Stoiber: Mit Sicherheit. Sie haben ja eine viel geringere Reaktionszeit. Wenn ich an meine Anfangszeiten zurückdenke, da gab es ein Ereignis, das stand am nächsten Tag in der Zeitung und dann hattest du einen Tag Zeit, darauf zu reagieren.
Heute hast du im Netz die Meldung und sofort die Gegenmeldung. Du hast nicht mehr so viel Zeit, um genau zu überlegen: Was sage ich jetzt dazu?

Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass so ein öffentlicher Schlagabtausch niemandem nutzt, außer vielleicht den Medien.
Stoiber: Weil vieles zugespitzt wird. Eine Agentur löst einen Satz aus einem Interview heraus, der vielleicht eine leicht kritische Tendenz hat, auf einmal heißt es „X übt massive Kritik an Y“, und daraus entwickelt sich dann ein Streit, der mit der eigentlichen Aussage nichts mehr zu tun hat. Danach ist man erstmal mit der Abwehr von falschen Eindrücken beschäftigt.

Der ZDF-Moderator Peter Hahne sagte uns im Gespräch: „Der Konkurrenzdruck unter den Medien hat das Tempo in der Politik deutlich erhöht.“
Stoiber: Das ist richtig. Die Idealform wäre natürlich eine völlig sachgerechte, nicht auf Zuspitzung – und damit auf besseren Verkauf – ausgerichtete Meldung. Ich könnte jetzt darüber fachsimpeln, dass Sie als Medien das primär aus wirtschaftlichen Gründen machen, dass eine Zuspitzung mehr Aufmerksamkeit und damit Verkauf, also bares Geld bringt. Aber es gibt für mich da keine Fundamentalkritik, ich kann der Presse nicht vorwerfen, dass sie Nachrichten auch gewinnbringend vermarktet. Mit diesen Bedingungen muss ich als Politiker zurechtkommen, denn die Medien sind Teil unserer Demokratie. Und die Demokratie ist für mich die einzige wahre Staatsform, die Freiheit, die wir in dieser Demokratie haben, ist ein extrem hohes Gut.

Die Öffentlichkeit wiederum sieht diese Freiheit bedroht, wenn Politiker im Verdacht stehen, die Berichterstattung zu beeinflussen, weshalb Christian Wulff und jüngst Hans Michael Strepp in die Kritik gerieten. Welche Lehren sollten Politiker aus diesen Fällen ziehen?
Stoiber: Lehren? Vielleicht, nicht in Redaktionen anzurufen…

Welches durch die Medien verbreitete Klischee über Sie entspricht nicht der Wahrheit?
Stoiber: Dass ich Asket bin, den Genüssen des Lebens völlig abhold, keinen Wein und nur Salbeitee trinke, keine Laster habe, das Gegenstück eines bayerischen Politikers bin… Ich habe aber nie gegen Klischees angekämpft, ich habe nie zum Hörer gegriffen, wenn ich glaubte, ich sei völlig verzerrt wiedergegeben worden.
Es ist allerdings schwierig, wenn Animositäten auf die Familie übertragen werden. Der Preis, den die Familie zahlt, der ist manchmal schon hoch.

Mit einem anderen Familiennamen hätte Ihre Tochter vermutlich weniger Probleme mit ihrer Doktorarbeit bekommen.
Stoiber: Zum Thema Öffentlichkeit kann ich sagen: Als junger Mann habe ich mir keine großen Gedanken darüber gemacht, welche Auswirkungen mein öffentliches Auftreten auf die Familie hat. Heute würde ich meine Familie wahrscheinlich viel mehr abschotten, als ich es damals getan habe.

Sie betonen oft die Erfolge Bayerns, sprechen von Fleiß und Disziplin – woher kommt Ihr politischer Ehrgeiz?
Stoiber: Den Ehrgeiz hatte ich schon als Jugendlicher. Mich hat sehr geprägt, dass Anfang der 50er Jahre Touristen aus dem Ruhrgebiet mit viel Geld zu uns gekommen sind und abfällig dahergeredet haben über Bayern: Die Menschen hier seien zwar nett, aber langsam im Kopf und langsam in der Rede. Später bin ich dann auf Franz Josef Strauß gestoßen, und ab da ging es mir um die Entwicklung dieses Landes.

Was hat die damalige Politiker-Generation ausgezeichnet?
Stoiber: Leute wie der Historiker Strauß waren keine Berufspolitiker. Die gingen in die Politik aus ihren Erfahrungen im Nationalsozialismus und im Krieg, mit dem Ziel: Nie wieder. Das war die Motivation bei Helmut Schmidt, sicherlich auch bei Egon Bahr oder bei Willy Brandt.

Was für eine Motivation sehen Sie heute?
Stoiber: Heute geht es um Verbesserung der Lebenssituation, eine sichere Rente, bessere Bildung, Hilfe für junge Leute, Familien und Ältere. Heute sucht man den Staat, der die Lebensbedingungen der Menschen von Jahr zu Jahr besser macht.
Die Debatten sieben Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als Sie hier in München noch Trümmer und zerstörte, verruste Häuser gesehen haben, waren ganz andere. Zu der Zeit zu entscheiden, dass wir, aus strategischen Gründen, einen militärischen Arm, ein Heer brauchen, also die Bundeswehr – das waren emotionale Diskussionen, die man sich heute kaum vorstellen kann.
Heute haben wir andere Probleme, etwa das Problem, dass wir Deutsche eine Lead-Nation sind.

Was wir nie sein wollten.
Stoiber: Nie mehr sein wollten, aus der Erfahrung heraus. Deshalb haben wir auch eine starke pazifistische Ader. Und doch wird es uns noch lange anhängen, dass in deutschem Namen fürchterliche Dinge geschehen sind. Während in Deutschland darüber debattiert wird, was uns die Hilfe für Griechenland kostet, müssen wir uns auch bewusst sein, wie unsere Diskussion in anderen Teilen Europas aufgenommen wird. Ich stelle zumindest in Brüssel fest, dass – auch bei der Generation der 35-Jährigen – die geschichtlichen Daten des Zweiten Weltkriegs sehr präsent sind. Es wird schon darauf hingewiesen, dass auch Deutschland in der Vergangenheit große Hilfen bekommen hat. Da ist der Firnis der Geschichte wesentlich dünner als ich dachte.

Wie geht Angela Merkel mit dieser Verantwortung und mit dieser Rolle um?
Stoiber: Diese Kanzlerin steht vor einer Herausforderung, wie noch kein Kanzler vor ihr. Sie entscheidet, also Deutschland entscheidet in hohem Maße, ob und wie es in Europa weitergeht. Ich denke, zum gegenwärtigen Zeitpunkt passt ihr unprätentiöses, nüchternes Auftreten hervorragend zur schwierigen Situation in Europa. Imperiales Gehabe und Gepränge liegen ihr ja fern.

 

Quelle: http://www.planet-interview.de/interview-edmund-stoiber-05022013.html

Der schönste Lattenschuss ist auch kein Tor

Als Edmund Stoiber von seinen Parteifreunden gestürzt wurde, griff der wichtigste Mensch seines Lebens ein – seine Frau.

ZEITmagazin: Herr Stoiber, wann haben Sie zuletzt laut gelacht?

Edmund Stoiber: Ach, meine siebenjährige Enkelin hat mir am Klavier Alle meine Entchen vorgespielt, und in dem extremen Bemühen, das ganz perfekt zu spielen, hat sie danebengelangt. Sie hat aber nicht geweint, sondern gelacht, und ich habe auch laut gelacht. Das war befreiend.

ZEITmagazin: Wie waren Sie eigentlich als Kind?

Stoiber: Zu Hause war ich der Jüngste und eher zurückhaltend. Schon als Kind wusste ich, dass meine Mutter an einem Herzmuskelschaden litt. Ich hatte immer Angst, dass ihr etwas passiert, dass ich von der Schule nach Hause komme und sie nicht mehr lebt. Von ihr habe ich außerordentlich viel Liebe und Fürsorge erfahren. Sie hat immer gesagt, ich will, dass du aufs Gymnasium gehst, trotz Schulgeld und Fahrtkosten. So war ich von meiner Klasse einer der ganz wenigen, die aufs Gymnasium gingen. Wenn man weiß, dass sich die Eltern krummlegen für die Ausbildung, hat man natürlich Angst, die Erwartungen vielleicht nicht zu erfüllen. Aber ich wollte auch selbst den sozialen Aufstieg schaffen. Da wir »koa Sach«, also keinen Besitz, hatten, führte mein Weg über die Bildung.

ZEITmagazin: Den Politiker Stoiber kennen wir. Beschreiben Sie doch mal den Menschen Edmund Stoiber!

Stoiber: Au, das ist schwierig! Er ist hundertprozentig im Einsatz in allem, was er macht. Ich will möglichst viel wissen, den Dingen auf den Grund gehen. Manchmal neige ich zu Perfektionismus. Ich bin aber auch gesellig und ein eher nachgiebiger Mann im Freundeskreis und in der Familie. Ich bin engagiert, versuche zuverlässig, diszipliniert, feinfühlig, sensibel zu sein und möchte eigentlich nicht verletzen.

ZEITmagazin: Feinfühlig und sensibel? Dann haben Sie aber Politik gegen Ihre Natur gemacht. 

Stoiber: Das muss man trennen können. Denken Sie an das politische Ringen um Entscheidungen in den siebziger Jahren: Freiheit oder Sozialismus. Ich wollte die Menschen mit meinen Reden zum richtigen Glauben bringen, deswegen wurden mir Klischees aufgedrückt: »harter Hund« oder »blondes Fallbeil«. Ich habe mich nie über die Verzerrungen beschwert. Meine Legitimation waren die guten Wahlergebnisse. Ins Persönliche gehende Kritik konnte ich deshalb gut abprallen lassen, sie hat mich nie entscheidend getroffen.

ZEITmagazin: Angela Merkel hat Ihnen 2002 den Vortritt als Kanzlerkandidat gelassen, Sie sind Gerhard Schröder knapp unterlegen. Hat Sie das nicht deprimiert?

Stoiber: Nein, ich blieb ja in der Regierung, deshalb habe ich das sehr schnell überwunden. Ich hatte auch gar keine Zeit. Am Wahlsonntag bin ich in der Kutsche zum Oktoberfest gefahren, abends im Fernsehstudio galt ich noch als neuer Kanzler. Erst nach dem Rückflug nach München war klar, dass es nicht reichte, aber am Montagmorgen hatte ich Vorstandssitzung und musste die Partei auf ein neues Ziel einstellen. Da kannst du gar nicht lange in dich gehen, dich beklagen und bejammern. Meine Frau hat mir in der Nacht gesagt: Beruhige dich, wer weiß, für was es gut ist, und du hast eine Riesenaufgabe hier.

ZEITmagazin: Hat Sie gerettet, dass Sie sich nicht einen Moment erlaubt haben, innezuhalten?

Stoiber: Ja. Es ging um Vernunft, Disziplin und Verantwortung für die Partei. Für mich war klar, das Entscheidende ist, dass die Partei nicht in Sack und Asche gehen darf. Wenn du zwanzig Meter am Tor vorbeischießt, gibt’s keine große Aufregung. Wenn du aber an die Latte schießt, der Ball geht von der Latte auf die Torlinie, dann noch an den Pfosten, aber trotzdem raus, wird intensiv debattiert. Der schönste Lattenschuss ist aber auch kein Tor. Als Verlierer habe ich mich aber nicht so sehr gesehen, das Ergebnis hatte ich ja deutlich verbessert.

ZEITmagazin: Fünf Jahre später sind Sie von den eigenen Parteifreunden gestürzt worden.

Stoiber: Das war sicherlich schmerzhafter als die Niederlage 2002, aber auch hier ging es um Disziplin. Ich habe die CSU gelebt, ich wollte keine Zerreißprobe. Die letzte Konsequenz habe ich vorher nur mit meiner Frau besprochen. Sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Sie hat ihr Leben in den Dienst der Passion ihres Mannes gestellt. Wir sind jetzt 45 Jahre verheiratet, wissen Sie, als unser Sohn 1980 geboren wurde, ist sie zum Glück etwas früher ins Krankenhaus gegangen. Hätte sie auf die Wehen gewartet, wäre er nicht gesund geboren worden, weil sich die Nabelschnur um seinen Kopf gelegt hatte. Die Hebamme war unendlich aufgeregt, als die Herztöne plötzlich aufhörten, und ich habe ständig gefragt: Wie geht’s denn meiner Frau? Das sind Lebenssituationen, die zusammenschweißen. Als sie mir nach Kreuth signalisiert hat, jetzt beginnt ein anderes Leben, war mir klar: Es kommt eine neue Etappe, die, wie ich hoffe, noch lang ist, aber eben die letzte Etappe des Lebens.

Quelle: http://www.zeit.de/2013/11/Rettung-CSU-Politiker-Edmund-Stoiber

Stoiber: „Wir haben das Schwerste hinter uns“

Energisch, energiegeladen wie eh und je gestikuliert Stoiber, 71, in seinem Büro im Münchner Lehel und erzählt, wie er mit Kommissaren streitet um jeden Paragrafen. Und was er im Nebenamt als CSU-Ehrenvorsitzender der jüngst über „Schmutzelei“ und Über-Ehrgeiz streitenden Partei empfiehlt.

In der CSU herrschen seit Horst Seehofers öffentlicher Attacke auf Markus Söder Chaostage. Was ist da los in Ihrer Partei?

(lange Pause) Wissen Sie, wenn ich mir die CSU und ihre Bilanz anschaue, wenn ich mir Bayerns hervorragende Wirtschaftsdaten anschaue, wie zufrieden die Menschen sind – da ist doch die CSU auf einem sehr guten Weg, an ihre glanzvollen Zeiten anzudocken. Das Auftreten der gesamten CSU sollte diesem Ziel dienen.

Sie haben gesprochen mit den Duellanten…

Wir haben telefoniert. Ich kenne beide lange, schätze beide. Ich glaube, meine Botschaft ist verstanden worden.

Verstehen Sie auch, dass Seehofer mit der Qualität seines Kabinetts hadert? Da ist halt kein Wiesheu mehr, kein Faltlhauser.

Das waren jedenfalls für mich Minister mit großer Klasse und Format. Aber ich will keine Verklärung der Vergangenheit betreiben. Alles, was ich zu aktuellen Diskussionen sage, sage ich intern.

Was nimmt mehr Zeit in Anspruch? CSU-Ehrenchef oder Ehren-Entbürokrator in Brüssel?

(Lacht) Beides. Ich mach’ ja beides mit Leidenschaft, mit Freude, aber beides macht auch sehr viel Arbeit.

Jetzt verlängern Sie auch bis Oktober 2014. Haben Sie noch nicht genug?

Ich bin seit meiner Jugend ein politischer Mensch. Bürokratie-Last durch immer größere Gesetzgebung nimmt zu. Der Ärger darüber auch überall.

Sind wir krass überreguliert im Vergleich zu den USA oder zu Asien?

Stärker reguliert, keine Frage, viel stärker. In den USA wird diskutiert, ob es eine gesetzliche Krankenversicherung braucht, bei uns ist das Gott sei Dank seit langem selbstverständlich. Doch wir vertrauen dem Staat immer mehr und verlangen von ihm Sicherheit in vielen Lebensbereichen. Bei der Regulierung gehen wir dann oft zu weit.

Allein die Belastung aus europäisch verursachter Bürokratie summierte sich mal auf jährlich rund 125 Milliarden. Wie viel haben Sie weggekämpft?

25 Prozent, das sind über 30 Milliarden Euro. Weitere 6,7 Milliarden liegen noch beim Parlament und im Rat. Das dauert häufig viel zu lang, pro Gesetzgebungsverfahren bis zu sieben Jahre!

Macht das einen ungeduldigen, ehrgeizigen Geist wie Sie fuchsig?

Ja, das können Sie sich vorstellen! Da prallen unterschiedliche Mentalitäten aufeinander. Wir wollen zum Beispiel deregulieren, um die Gründung kleiner Unternehmen zu erleichtern. Für manchen südeuropäischen Sozialisten aber ist der Eisverkäufer am Strand schon ein ungehemmter unternehmerischer Kapitalist. Deswegen stimmt er Erleichterungen nicht zu. Mamma mia!

Dankt’s der Eisverkäufer wenigstens? Kriegen Sie mal einen Brief von entlasteten Betrieben?

Ja. Allein die elektronische Rechnung für die Mehrwertsteuer, die seit 2011 gilt, spart deutschen Betrieben vier Milliarden Euro. Und dieses Ding war schwierig: Es gab Widerstände der Finanzminister. Ich musste sogar Angela Merkel einschalten und Horst Seehofer.

Mal ehrlich: Welcher Kommissar machte Ihnen am meisten Ärger?

(denkt nach) McCreevy, der Ire, gerade wegen der Publikationspflichten, die wir für Kleinstunternehmen abschaffen wollten. Am Anfang sagte er: „Ich habe zehn Minuten, und ich bin dagegen.“ Da habe ich ihm erst mal erklärt, worum es geht, dass ich das ehrenamtlich mache und dass er darüber froh sein sollte. Wir haben dann lang geredet, anderthalb Stunden. Er hat es schließlich eingesehen.

Sie sind gefürchtet in Brüssel?

Ach, gefürchtet hoffentlich nicht. Aber natürlich höre ich, dass Barroso hin und wieder einem uneinsichtigen Kommissar sagt: Darauf muss ich den Stoiber ansetzen.

-Was ist Ihr Ziel für die kommenden zwei Jahre?

Ich will mehr Effizienz in den Mitgliedsstaaten. Statt immer nur auf Brüssel zu zeigen, sollen sie untereinander Modelle abschauen, wie sich Bürokratie einsparen lässt. Da geht’s um 40 Milliarden Euro Kosten, die durch ineffiziente nationale Umsetzung entstehen oder durchs Draufsatteln auf EU-Richtlinien.

Oha: Was lernen unsere Beamten von Portugiesen und Griechen?

Von Portugal zum Beispiel die elektronische Ausschreibung, die dort Standard ist, viel transparenter als bei uns.

Sie haben neulich Regisseur Wim Wenders zitiert: „Aus der Idee Europas wurde die Verwaltung. Und jetzt halten die Menschen die Verwaltung für die Idee.“

Da ist was dran.

Furchtbar, nicht wahr?

Es ist überspitzt, bringt aber die Dinge auf den Punkt. Die große Idee Europas – Frieden, Freiheit, Kulturkontinent – ist bei den Menschen in den Hintergrund gerutscht, gilt als selbstverständlich.

Sie kommen viel in Europa rum. Was hören Sie über uns? Gemurre über Schulmeisterin Merkel?

Mir wird da oft zu leicht mit dem Finger auf Deutschland gezeigt. Man weiß natürlich, dass wir der Motor Europas sind. Wir sind absolute Leadnation, was Deutschland so nicht angestrebt hat. Dass wir die Krise im Inland in einem Jahr so bewältigt haben, hat uns in die Situation gebracht, dass Angela Merkel im Ausland wahrgenommen wird als eine, die Vorgaben machen will. Schauen Sie mal auf Italien: Berlusconi ist ein typisches Beispiel, wie man mit solchem Gerede von eigenen Fehlern ablenkt.

Ilse Aigner nannte ihn neulich einen „unsäglichen Gockel“. Hat sie Recht?

Ich würde sagen: ja. Ich wollte ihn in seinen Anfangsjahren mal auf unseren Parteitag einladen. Bin ich froh, dass das damals nicht zustande gekommen ist!

Ist die neuerdings so sanfte Linie von CSU und CDU gegenüber Griechenland, der Schwenk, richtig?

Ich empfinde es nicht als Schwenk von CDU und CSU. Lange ist es noch nicht her, dass Merkel und Sarkozy auf den heutigen Premierminister Samaras eingeredet haben, stundenlang, den Sanierungskurs der damaligen Regierung endlich zu unterstützen. Er hat – Gott sei Dank – eine Kehrtwende gemacht. Griechenland strengt sich jetzt richtig an. Entweder Samaras kriegt’s hin, oder es nimmt für Griechenlands Demokratie ein schlimmes Ende.

Verdient Samaras Lob?

Ja. Wir müssen aber auch offen sagen dürfen: Länder wie Griechenland, Spanien, Portugal sind selbst verantwortlich für ihre Lage. Schauen Sie nach Athen: Die gesamte Politikergeneration der Familien Karamanlis und Papandreou hat das Land in die Überschuldung getrieben. Ein Drittel des Staates kreditfinanziert – das konnte nicht gutgehen.

Wäre dann der Euro-Rauswurf nicht schlüssig?

Ich glaube, es ist richtig, in dieser Frage weiter Schritt für Schritt vorzugehen. Die Politik von Angela Merkel ist deswegen richtig, weil eine Renationalisierung der Geldpolitik und Ökonomie nicht nur eine Weltwirtschaftskrise, sondern auch eine politische Renationalisierung nach sich ziehen würde. Das hätte für Deutschland unabsehbare Folgen.

Wie lange wird uns die Krise noch quälen? Gibt es 2013 endlich Entwarnung?

Wir sind noch lange nicht durch, aber ich glaube: Wir haben das Schwerste hinter uns.

 

Interview: Georg Anastasiadis und Christian Deutschländer

Quelle: http://www.merkur-online.de/nachrichten/politik/wir-haben-schwerste-hinter-uns-2672301.html

Leute vom Donnerstag, 13.12. | 10.00 Uhr | SWR1 Baden-Württemberg

Er war einer der herausragenden bayrischen Politiker und einer der besten Schüler des großen Franz Josef Strauß: Edmund Stoiber war CSU-Vorsitzender, 14 Jahre bayrischer Ministerpräsident und vor zehn Jahren Kanzlerkandidat der Union gegen Gerhard Schröder. Nach seinem politischen Karriere-Ende 2007 kümmert sich Stoiber ehrenamtlich für die EU um den Abbau der Bürokratie und sitzt im Aufsichtsrat des FC Bayern München. Jetzt hat er seine Lebens- und Politik-Erinnerungen veröffentlicht. Titel: „Weil die Welt sich ändert“.

„Weil die Welt sich ändert: Politik aus Leidenschaft – Erfahrungen und Perspektiven“ von Edmund Stoiber. Das Buch ist unter anderem hier erhältlich: Link

Weil die Welt sich aendert von Edmund Stoiber

Quelle: http://www.swr.de/nachrichten/-/id=396/nid=396/did=10634992/gjn1v6/index.html