So verlief der Politische Aschermittwoch in Thüringen

Politischer Aschermittwoch in Thüringen: Die CDU feiert sich mit Ehrengast Edmund Stoiber in Apolda, im Freudentaumel war die SPD in Arnstadt, mit Puscheln erschien die Grünen-Chefin Göring-Eckardt in Eisenach, Ministerpräsident Ramelow entdeckt die Wartburg als Amtssitz, die FDP macht sich Mut in Erfurt und AfD-Chef Höcke lässt sich in Sömmerda feiern.

Apolda. Die ersten gefühlt Tausend Bier sind gezapft, die Kapelle hat aufgespielt und die drei unionseigenen Ministerpräsidenten a. D. sitzen am Biertisch, als Mike Mohring dem Saal das gibt, was er will. Rot-Rot-Grün, ruft er, das sei doch nur eine „Koalition der Verlierer“, die bei der Gebietsreform „Chaos“ produziere, gegeneinander regiere und den Bürgerwillen ignoriere.

„Liebe Freunde, sie können es nicht! Wir können es besser, wir brauchen eine neue Regierung für dieses Land!“ Jubel, Trubel, Heiterkeit.

Seit fast einem Vierteljahrhundert, seit Christine Lieberknecht in Passau das CSU-Original besichtigte, lädt die hiesige CDU immer aschermittwochs zur Kopie ins Weimarer Land. Jahrzehntelang tagte und trank die Union in der Therme von Bad Sulza. Als dann 2014 Landtagsfraktionschef Mohring auch die Landespartei übernahm, verlegte er die Veranstaltung nach Apolda, das nicht ganz zufällig seine Heimatstadt ist.

Abgesehen davon: In die Halle der hiesigen Vereinsbrauerei passen viel mehr Menschen. 1200 haben sich diesmal angemeldet, das ist mal wieder Rekord. Es finden nicht mal alle, die 15 Euro Eintritt bezahlen haben, einen Platz auf den Bänken.

Es ist eine dieser Veranstaltungen der Selbstvergewisserung, die gerade eine Oppositionspartei benötigt.

Edmund Stoiber ist eigens aus Bayern angereist

Alle werden begrüßt, vom Kartoffelbauer, der die Kartoffeln zum Hering liefert, bis zum örtlichen Autohaus-Inhaber. Und alle sind da, die von der CDU aufzubieten sind, Landtagspräsident, Landräte, Abgeordnete, dazu Ex-Regierungschefin Lieberknecht – und natürlich der vormalige, inzwischen 84-jährige Ministerpräsident Bernhard Vogel.

Hauptredner ist jedoch ein anderer Ex-Regent. Edmund Stoiber ist eigens aus Bayern angereist, um zu erzählen, warum die CDU etwas mehr CSU brauchen könnte, um der AfD zu trotzen.

Es wäre „eine Katastrophe“, ruft er, wenn am Ende des Jahres Rot-Rot-Grün regierten. Danach lobt er, in dieser Reihenfolge, Mohring, Franz-Josef Strauß, Helmut Kohl und Vogel.

Ansonsten ist Bundestagswahlkampf. „Lasst uns klare Kante zeigen“, ruft Mohring – gegen Linke, Sozialdemokraten und Grüne. „Oder wollt ihr Claudia Roth als Verteidigungsministerin? Zur Abschreckung mag sie ja dienen…“ Der Rest geht im Applaus unter.

„Warum nur“, erzählt Stoiber, so habe er am Mittwochabend Vogel gefragt, „warum nur machen wir hier das alles noch?“ Man sei sich einig gewesen: „Weil wir einfach nicht anders können.“

Quelle: http://www.tlz.de/startseite/detail/-/specific/So-verlief-der-Politische-Aschermittwoch-in-Thueringen-1168814552

Edmund Stoiber: „Trump, ein schwieriger Partner“

Clemens Hagen, 03.02.2017 – 11:52 Uhr

Edmund Stoiber warnt, dass es unter dem neuen US-Präsidenten eine „andere Friedensordnung in der Welt“ geben wird – und er verrät, warum die Flüchtlingskrise den Wahlkampf beherrschen wird.

München – Die AZ hat mit Dr. Edmund Stoiber gesprochen. Der 75-Jährige war von Mai 1993 bis September 2007 Ministerpräsident des Freistaates Bayern und von 1999 bis 2007 Vorsitzender der CSU. Seit 2007 ist er Ehrenvorsitzender der CSU.

AZ: Herr Stoiber, zum Warmwerden hier eine ganz kurze Frage: Donald Trump?
EDMUND STOIBER: Zuerst einmal: Man braucht diese Wahl nicht zu akzeptieren, aber man muss sie respektieren. Es gehört zur Demokratie, dass man mit Entscheidungen leben muss, auch wenn sie einem nicht gefallen. Ich glaube, dass Trump die Europäer und gerade die Deutschen extrem herausfordern wird. Amerika kann auf vielen Gebieten ökonomisch nicht mehr so mithalten wie früher – trotz Microsoft, Google, Apple und Facebook. Nehmen sie zum Beispiel den Maschinenbau: Siemens ist wettbewerbsfähig, die deutschen Autos sind wettbewerbsfähig. Warum fahren auch viele Amerikaner BMW? Nicht, weil die Autos deutsch sind, sondern weil sie spitze sind.

Deutschland hat einen riesigen Exportüberschuss.
Schon jetzt befindet sich Deutschland deswegen unter einem hohen politischen Rechtfertigungsdruck, nicht nur den USA gegenüber, sondern auch gegenüber den anderen europäischen Ländern. Bloß will Trump, weil er weiß, dass die amerikanische Industrie eben nicht mehr so wettbewerbsfähig ist, das mit Strafzöllen korrigieren. Amerika hat aber auch noch andere Probleme: ein riesiges Leistungsbilanzdefizit gegenüber China, gegenüber Japan. Richtig ist: Trump sieht in Deutschland einen Herausforderer, der abgesehen von der Digitalisierungsbranche wirtschaftlich stärker im Markt ist als die USA.

„Europa muss seine Verteidigungspolitik besser koordinieren“

Glauben Sie, dass sich Trump und Merkel verstehen werden?
Hier geht es nicht um persönliche Sympathien, sondern um die Wahrung deutscher und auch europäischer Interessen. Trump wird ein außerordentlich schwieriger Partner. Die Zeiten, da Amerika Garant des Friedens und der Freiheit in Europa war, sind vorbei.

Deutschland und Europa müssen selber stärker werden, also militärisch?
Unbedingt. Da kommt einiges auf die Europäer und natürlich auf Deutschland zu. Wir müssen für unsere Verteidigung viele Milliarden Euro mehr investieren. Da braucht es dringend einen Impuls. Trump kann und will der breiten Bevölkerung in seinem Land nicht klarmachen, dass die USA 70 Prozent der Verteidigungsausgaben aller Nato-Staaten tragen und dass Amerika in den letzten 50 Jahren die Grenzen vieler Länder bis jetzt zu den baltischen Staaten wichtiger waren als die eigenen.

Die Welt ist überrascht, dass Trump jetzt das tut, was er im Wahlkampf angekündigt hat?
Ja, das spricht nicht unbedingt für ein Urvertrauen in Wahlaussagen. Aber es stimmt, alle haben gesagt, der wird schon noch abgeschliffen in Washington. Jetzt setzt er seine Ankündigungen in die Tat um, und die veröffentlichte Meinung in Deutschland staunt. Europa wird durch Trump lernen müssen, wieder mehr auf eigenen Füßen zu stehen. Mit ihm wird die Friedensordnung in der Welt eine andere sein. Und Deutschland hat in Europa eine Führungsverantwortung.

Sehen Sie hier das AZ-Video zum Trump-Protest in München

Zur Innenpolitik: Waren Sie überrascht, als die SPD Schulz als Kanzlerkandidaten aus dem Hut gezaubert hat?
Da waren ja die meisten überrascht. Das war eine einsame Entscheidung von Gabriel. Schulz ist jemand, der sicher motivierend auf die SPD-Mitglieder wirkt. Er sagt deutlich, dass er Kanzler werden will und nicht Minister. Er setzt auf Sieg. Das geht allerdings nur mit Rot-Rot-Grün. Mit der Union ist das ja ausgeschlossen. Rot-Rot-Grün bedeutet einen Bruch zur bisherigen SPD-Position. Das hätte Sigmar Gabriel auch schon haben können. Es gibt ja schon heute eine linke Mehrheit im Bundestag. Wenn er mit den Linken, mit Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht einig geworden wäre, wäre er heute Kanzler, so unvorstellbar das klingt. Aber das scheiterte vor allem an den Unvereinbarkeiten in der Außen- und Sicherheitspolitik, insbesondere in Bezug auf die Nato. Beim Kandidaten Schulz ist das nun anders. Das ist im Übrigen die große Chance für die Unionsparteien. Wenn Schulz sich nach links öffnet, zum Beispiel Steuererhöhungen fordert und eine steuerliche Entlastung der Mittelschicht ablehnt, haben wir klare Fronten.

Die Union hat neben Schulz gerade das Problem, dass viele Wähler zur AfD abgewandert sind und weiter abwandern. Sehen Sie das auch so?
Alle Parteien leiden unter dem Erstarken der AfD. Interessant ist, dass die Linke mit Frau Wagenknecht versucht, Protestwähler von der AfD wieder zurückzuholen. Übrigens gegen den Willen der Parteispitze. Sahra Wagenknecht vertritt in der Flüchtlingsfrage zum Teil ähnliche Positionen wie die AfD. Und sie ist das öffentliche Gesicht der Partei.

„Das Führungspersonal der AfD gilt es, mit aller Macht zu bekämpfen“

Zurück zur Union: Geht sie richtig mit den Protestwählern um?
Wir müssen die konservativen unter den Protestwählern wiedergewinnen. Dabei geht die CSU konsequenter als die CDU vor. Wichtig ist: Man darf die AfD-Wähler – sie werden ja derzeit auf zehn bis 14 Prozent taxiert – nicht gleichsetzen mit dem exzentrischen, teilweise rechtsradikalen Führungspersonal der Partei. Das gilt es mit aller Macht zu bekämpfen, hart zu bekämpfen. Hingegen schmeißen die meisten Wähler, die zur AfD abgewandert sind, alle etablierten Parteien in einen Topf. Sie sind gegen das Establishment, das vermeintlich nicht mehr ihre Sprache spricht und ihre Sorgen versteht. Die müssen wir für die Union zurückholen. Ohne die CSU geht das nicht.

Das Zurückgewinnen der Desillusionierten wird für die Union nicht leicht werden, auch wenn das Dauerstreitthema Obergrenze jetzt auf die Zeit nach der Wahl verschoben ist. Sehen Sie die Chance auf einen Kompromiss?
Da ist im Moment kein Kompromiss möglich, aber auch nicht unbedingt nötig, wenn klar ist, dass nur mit einer Obergrenze eine Regierungsbeteiligung der CSU möglich ist. Eine Obergrenze bedeutet für die CSU: Wie viele können wir integrieren? Das ist eine enorme Aufgabe. Es sind viele Menschen aus anderen Kulturkreisen hier. Wer hier leben will, muss zum Beispiel auch die besondere Verantwortung Deutschlands gegenüber dem Staat Israel beachten, was für jemanden aus Damaskus vielleicht schwierig ist, weil er mit einem anderen Israel-Bild sozialisiert wurde.

Nicht das einzige Problem…
Nein, natürlich nicht. Da sind Leute gekommen, die geben einer Frau nicht die Hand. Am Münchner Hauptbahnhof haben sich viele Flüchtlinge von einer Frau nicht Blut abnehmen lassen. Das geht nicht. Deshalb sprechen wir von Leitkultur. Dazu gehört, dass man sein Gesicht unverschleiert zeigt, dass Kinder in der Schule am Schwimmunterricht teilnehmen. Das sind Selbstverständlichkeiten.

Integration ist aber vor allem ein logistisches Problem.
Ja, natürlich. Wir brauchen Psychologen, die Leute sind zum Teil traumatisiert. Wir brauchen spezielle Lehrer und Kinderbetreuungspersonal. Viele Flüchtlinge haben eine sehr geringe Schulbildung. Wir wissen, dass wir zehn Prozent der Flüchtlinge relativ schnell, innerhalb von ein bis zwei Jahren, in den Arbeitsmarkt eingliedern können. Bei 40 Prozent dauert es länger, und bei den anderen 50 Prozent wird es extrem schwer und kostet viel. Klar, wer aus einem Bürgerkriegsland kommt, wer politisch oder religiös verfolgt wird, hat ein Recht auf Asyl. Aber genauso: Wer kein Bleiberecht bekommt, muss Deutschland wieder verlassen.

Also endgültig Schluss mit der Willkommenskultur?
2015 darf sich nicht wiederholen: Das ist O-Ton Seehofer und jetzt auch O-Ton Merkel. Beide sagen heute: Deutschland muss Deutschland bleiben. Beides ist richtig. Das bedeutet, dass Integration immer auf Grundlage unserer Leitkultur passieren muss.

Bis zur Wahl sind es noch einige Monate, aber glauben Sie, dass Flüchtlinge und Innere Sicherheit die alles beherrschenden Themen bleiben werden?
Absolut, 50 Prozent der Deutschen, in Bayern noch mehr, sehen in der Bewältigung der Flüchtlingsfrage das Hauptthema. Und neben der Inneren Sicherheit bewegt die Menschen ihre wirtschaftliche und soziale Zukunft. Wir haben nahezu Vollbeschäftigung, uns geht es im Verhältnis zu anderen Ländern hervorragend. Aber das ist nicht selbstverständlich. Wir stehen vor riesigen Herausforderungen. Wir müssen die Verlierer der Digitalisierung, der Globalisierung in der Arbeitsgesellschaft halten.

Noch mal zurück zur Inneren Sicherheit: Glauben Sie, dass sich die Menschen in Deutschland sicher fühlen?
Objektiv haben sie guten Grund dazu, aber subjektiv ist das Unsicherheitsgefühl stark gewachsen. Die Menschen lesen von Einbrüchen, Überfällen, Vergewaltigungen. Eine Mehrheit bringt das mit dem Flüchtlingszustrom in Verbindung. Klar ist: Es darf nicht sein, dass ein Anis Amri 14 Identitäten besitzt, sich Sozialleistungen erschleicht, dass solche Leute kreuz und quer durch Europa reisen können, ohne an einer Grenze aufgehalten zu werden.

Braucht Deutschland wieder scharfe Grenzkontrollen?
Wir haben unsere Außengrenzen noch nicht gesichert, wie wir es müssten. Die Balkanroute ist ja nicht komplett geschlossen, es kommen immer wieder Menschen in ihrer Not durch. Unsere Position ist, dass die deutschen Grenzen gesichert bleiben müssen, bis die Kontrolle über die EU-Außengrenzen lückenlos ist.

Quelle: http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.csu-mann-im-az-interview-edmund-stoiber-trump-ein-schwieriger-partner.14e38af2-8280-40be-a1f8-65b76f095d78.html

„Hoffentlich spürt er den Nutzen des freien Handels“

Ex-CSU-Chef Stoiber setzt darauf, dass der künftige Präsident als „cleverer Geschäftsmann“ die Vorteile des freien Handels erkennt. Eine engere Bindung der USA an Russland müsse Europa nicht schaden

Es ist das Wesen einer freiheitlichen Demokratie, an der Wahl Donald Trumps Kritik üben zu können. Aber die hartnäckige, manchmal hysterische Ablehnung seines Wahlsiegs durch breite Kreise in den USA und Europa zeugt von einem fragwürdigen Demokratieverständnis. Wer ein demokratisches Wahlergebnis weder akzeptiert noch respektiert, vertieft die politischen Gräben in der Bevölkerung und rüttelt an den Grundpfeilern eines demokratischen Gemeinwesens. Ich erwarte, dass die Entscheidung des amerikanischen Volkes zumindest respektiert wird, auch wenn sie einem nicht gefällt.

Auf Deutschland und Europa kommen vor allem in der Handels- und der Sicherheitspolitik große und schwierige Herausforderungen zu. Deutschland als Exportnation ist Hauptprofiteur von Globalisierung und Freihandel. Die USA sind der größte deutsche Handelspartner. Handelsbeschränkungen hätten deshalb extreme Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft und Arbeitsplätze.

Meine Hoffnung ist, dass Donald Trump als cleverer Geschäftsmann erkennt und spüren wird, dass freier Handel grundsätzlich allen Seiten nutzt und nicht zuletzt die USA selbst unter künstlich aufgebauten Handelshemmnissen leiden würden. Darüber mit dem künftigen Präsidenten auf allen Ebenen zu ringen ist primäre Aufgabe des größten Marktes der Welt, der Europäischen Union und hier besonders Deutschlands.

Ob Trump die Nato als Schutzschild für Europa ernsthaft verändern wird, wird sich zeigen. Ich bin aber nicht davon überzeugt, dass eine engere Beziehung zwischen Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin automatisch zulasten Europas gehen wird. Die Chance, mit einem belastbaren persönlichen Verhältnis zu Putin den Frieden in der Welt zu fördern, wurde von Barack Obama nicht genutzt.

Angesichts der sich abzeichnenden Veränderung der amerikanischen Politik brauchen wir ein Umdenken in Europa. Die EU muss sich zu einer echten Sicherheitsgemeinschaft weiterentwickeln, mit eigenen militärischen Fähigkeiten. Das würde nach der letzten Umfrage der EU-Kommission von drei Viertel der Bürger Europas befürwortet und würde dem Projekt Europa einen neuen Impuls und eine Chance geben. Hier muss Deutschland gemeinsam mit Frankreich Antreiber sein.

Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article161247171/Hoffentlich-spuert-er-den-Nutzen-des-freien-Handels.html

Ministerpräsident a.D. Dr. Stoiber zum Tod von Alt-Bundespräsident Prof. Roman Herzog:

„Roman Herzog war ein Vordenker der Freiheit und des Fortschritts. Er war ein Mutmacher und Motivator, der nicht zuletzt mit seiner berühmten „Ruck-Rede“ den Boden für weitreichende Reformen in Deutschland bereitet hat.

Als gebürtiger Landshuter ist er mit seinem Herzen immer ein Bayer geblieben. Unvergessen ist sein Slogan „Laptop und Lederhose“, mit der er 1998 in einer Rede in München den Aufstieg Bayerns vom Armenhaus Deutschlands zum High-Tech-Standort charakterisiert hat. Dieses Motto ist zum Leitmotiv meiner Regierungszeit geworden.

Seine Orientierung gebende, kritische Stimme wird uns fehlen.“

 

Interview mit Stoiber zu CDU-Wahlschlappe: „Bedrohliches Zeichen“

Schwerin – Wie soll die Union auf die Wahl-Schlappe in Mecklenburg-Vorpommern und die neue Konkurrenz von Rechts reagieren? Wir sprachen mit Edmund Stoiber (CSU).

Es ist ein Debakel für Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik: Bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern wurde die CDU erstmals in der Geschichte der Bundespolitik von einer rechten Partei, der AfD, überholt – und das ein Jahr vor der Bundestagswahl und ausgerechnet in der politischen Heimat der Kanzlerin. Die SPD von Ministerpräsident Erwin Sellering hat zwar mehr als 5 Prozent verloren, bleibt aber mit über 30 Prozent klar stärkste Kraft. Die rechtsextreme NPD flog aus dem letzten Landtag, in dem sie noch saß. Die FDP und nach den letzten Hochrechnungen auch die Grünen scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde. Die Linke erlebte ebenfalls einen rabenschwarzen Wahltag: Sie fuhr mit rund 12,5 Prozent das schlechteste Ergebnis in Ostdeutschland seit 25 Jahren ein. Wie soll die Union auf die neue Konkurrenz von Rechtsaußen reagieren? Wir sprachen darüber mit dem CSU-Ehrenvor­sitzenden Edmund Stoiber.

Ist das CDU-Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern eine persönliche Niederlage für Angela Merkel?

Edmund Stoiber: Es ist sicherlich keine Stärkung, wenn im eigenen Land am Volksparteicharakter der CDU gekratzt wird.

Geben Sie denn allein der Flüchtlingspolitik die Schuld am schlechten Abschneiden?

Stoiber: Eindeutig ja. Aber dieses Ergebnis ist nur der letzte Punkt einer längeren Entwicklung: In den vergangenen 15 Jahren sind die Ergebnisse der CDU kontinuierlich zurückgegangen. Ich hoffe, dass nun in der CDU endlich eine ernsthaftere Wahlanalyse für die gravierenden Wahlverluste vorgenommen wird als beispielsweise nach den Landtagswahlen insbesondere in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Wie fällt Ihre Analyse aus?

Stoiber: Die Wahlbeteiligung hat um rund zehn Prozent zugenommen. Das ist eigentlich eine erfreuliche Entwicklung, doch leider kann die Union nicht davon profitieren. Wir verlieren – wie die anderen Parteien – Wähler an die AfD, gewinnen aber aus dem Nichtwähler-Bereich keine neuen Stimmen dazu. Dieser Vorgang kann eine Volkspartei wie die CDU nicht kalt lassen. Er ist ein bedrohliches Zeichen. Die Partei muss nun intensiv über die Gründe dafür nachdenken.

Nämlich?

Stoiber: Es reicht nicht, die AfD auszugrenzen und und ihre Wähler pauschal zu kritisieren. Man muss sich als Volkspartei Gedanken darüber machen, warum die Menschen das Vertrauen verlieren. Die CDU muss in der Flüchtlingsfrage endlich klar aussprechen: Ja, wir fühlen uns der Humanität verpflichtet – das ist ein Wesensmerkmal unserer Gesellschaft. Aber dazu gehört zwingend ein zweiter Satz: Unsere Möglichkeiten und unsere Aufnahmefähigkeit sind begrenzt. Diesen zweiten Satz vermissen viele Menschen.

Die Obergrenze.

Stoiber: Richtig, aber es geht mir nicht nur um die Zahl von 200 000, sondern vor allem um ein Signal. Die Integrationsfähigkeit ist begrenzt, wenn wir unser Land vernünftig weiterentwickeln wollen. Das treibt die Menschen um, die uns das Mandat gegeben haben. Mit diesem Mandat müssen wir verantwortungsvoll umgehen.

Die CSU trifft sich am Wochenende zur Vorstandsklausur – wird Horst Seehofer den Druck noch einmal erhöhen?

Stoiber: Das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern spricht für sich und für die Politik von Horst Seehofer. Er muss von seiner Position im Gegensatz zur CDU jedenfalls nichts zurücknehmen.

Wird es die klare Forderung an die CDU geben, wieder ein Stück nach rechts zu rücken?

Stoiber: Zum ersten Mal ist die CDU von einer Partei rechts von der Mitte überholt worden! Es geht aber nicht nur um links oder rechts. Es gibt auch eine politische Kategorie von Oben und Unten. Ich finde es bedenklich, wenn wir die Menschen aus bildungsfernen Schichten nicht mehr erreichen. Die CSU hat sich immer auch als Partei der kleinen Leute verstanden. Die Union muss insgesamt mehr um Menschen werben, die wenig verdienen und politische Debatten nicht so intensiv verfolgen. Viele glauben, dass sich die Parteien kaum noch unterscheiden. Deshalb brauchen wir auch wieder eine streitigere Debatten­kultur.

Was müsste Frau Merkel denn tun? Sie hat ihre Politik modifiziert – nur eine Kehrtwende verkündete sie nicht und wird es auch nicht tun.

Stoiber: Das ist nicht das Thema. Wir müssen in die Zukunft blicken. Die Flüchtlingssituation wird Jahre, vielleicht auch Jahrzehnte andauern. Hier muss sie sich klar positionieren. Ich fand es schon bemerkenswert, dass sie gesagt hat: Der vergangene Herbst darf sich so nicht wiederholen. Auch der Satz „Deutschland wird Deutschland bleiben“ weist in die richtige Richtung. Denn viele Menschen haben Angst, dass die Veränderung zu schnell geht. Dass sie sich hier nicht mehr heimisch fühlen. Ohne eine Begrenzung wird die Kanzlerin diese Menschen nicht erreichen.

Ist Merkel denn in Ihren Augen die richtige Kanzlerkandidatin, wenn sie die Obergrenze nicht übernimmt?

Stoiber: Wir müssen erst die Inhalte klären, dann das Personal. Horst Seehofer wird da bei der Vorstandsklausur noch einmal einige Punkte deutlich machen. Mecklenburg-Vorpommern ist nur ein kleines Land. Aber man muss als Signal erkennen, dass die CSU richtig lag und liegt. Gerade auch beim Thema Innere Sicherheit.

Mike Schier

E-Mail:mike.schier@merkur.de

Quelle: http://www.merkur.de/politik/landtagswahl-mecklenburg-vorpommern-2016-edmund-stoiber-lehren-wahldebakel-6719891.html

Edmund Stoiber: „Meine Frau fährt abends nicht mehr unbedingt S-Bahn“

Was macht die Angst vor Terror mit uns und wie sollte Politik damit umgehen? Ex-CSU-Chef Stoiber über ein Burka-Verbot, Sorgen der Bürger und warum er auf die Wiesn geht

ZEIT ONLINE: Herr Stoiber, durch die jüngsten Terrorattacken weltweit, in Europa und gerade auch hier in Deutschland ist die Angst bei den Menschen gewachsen, denn die Bedrohung ist noch näher an uns und unser Leben herangerückt. Inwiefern hat sich Ihr Gefühl verändert?

Edmund Stoiber: Mein Sicherheitsgefühl hat sich verändert, ich bin noch wachsamer, aufmerksamer für mein Umfeld geworden. Kürzlich kam mir die Angst sehr nah: Mein ältester, 17-jähriger Enkel war abends am 14. Juli auf der Promenade des Anglais in Nizza unterwegs, als der Anschlag erfolgte. Er hörte die Schüsse, mit denen der Lastwagenfahrer gestoppt wurde, er befand sich lediglich hundert Meter entfernt davon. Er ist in eine Menschenmenge geraten, in der Tausende Menschen in Panik wegliefen. Am späten Abend hörte ich in den Nachrichten von den schrecklichen Ereignissen und machte mir große Sorgen. Um vier Uhr in der Früh erhielt ich dann schließlich die Nachricht, dass mit meinem Enkel alles in Ordnung war.
ZEIT ONLINE: Steigen Sie mit einem befremdlichen Gefühl in die Bahn oder ins Flugzeug?

Stoiber: Ich selbst nehme die Bahn nicht sehr oft. Meine Frau allerdings fährt abends nicht mehr unbedingt mit der S-Bahn. Die Sicherheitsvorkehrungen an den Flughäfen sind hoch und ich habe Vertrauen darin. Außerdem vertraue ich auf das Glück, dass ich nicht zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort bin.

ZEIT ONLINE: Gehen Sie dieses Jahr genauso entspannt aufs Oktoberfest wie in den vergangenen Jahren auch?

Stoiber: Die Angst vor Terroranschlägen rückt näher, aber sie bestimmt nicht mein Verhalten. Deshalb werde ich selbstverständlich auf die Wiesn gehen, auch wenn ein abstraktes Angstgefühl immer mitschwebt. Es ist jedem bewusst, dass auf der ganzen Welt, in Europa und jetzt auch hier in Deutschland Attentate verübt werden. Durch die Anschläge in Würzburg und Ansbach und den Amoklauf in München ist dieses Gefühl präsenter denn je. Aber ich gehe natürlich weiter zu den Spielen des FC Bayern München in der Allianz Arena, ich besuche Veranstaltungen mit vielen Menschen, gehe zu Umzügen, auf Trachtenfeste und in Bierzelte. Ängste darf man nicht verdrängen, aber man muss mit ihnen umgehen und darf sich von ihnen nicht treiben lassen. Wichtig ist, dass man die Angst nie vorrangig zur Grundlage von Entscheidungen macht.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Sie machen trotz größerer Sorge weiter wie bisher, doch es gibt viele Menschen, die aufgrund der Terroranschläge ihr Verhalten verändern. Können Sie das nachvollziehen?

Stoiber: Ich treffe viele Menschen, die für sich entschieden haben, aus Angst vor möglichen Terrorangriffen ihre Lebensweise anzupassen und zum Beispiel nicht mehr aufs Oktoberfest zu gehen. Andere sehen das Sicherheitsproblem durchaus, gehen aber dennoch hin, weil sie sich ihren Spaß nicht nehmen lassen wollen. Die Leute suchen sich ihreUrlaubsziele diesen Sommer anders aus, fahren nicht mehr nach Tunesien, in die Türkei oder nach Ägypten. Die Leute haben aufgrund der Ereignisse Angst, dorthin zu fahren, und sie sind wachsamer. Das kann ich verstehen.

ZEIT ONLINE: Sorgen Sie sich darum, dass Ihre Enkel in einer neuenBedrohungslage heranwachsen?

Stoiber: Ja, sicherlich, das macht mir Sorge. Ich spreche mit meinen Enkeln auch vorsichtig darüber und ich weiß genau, dass diese Mischung aus Vorsicht und Sorge nicht immer einfach zu vermitteln ist. Kinder sollen auf der einen Seite selbstständig werden, sollen den Schulweg alleine gehen und nicht von überfürsorglichen Eltern erdrückt werden. Trotzdem sind viele Eltern und Großeltern besorgter als früher. Kürzlich habe ich aus einer unbestimmten Sorge heraus meine Frau darum gebeten, mit meinen beiden kleinen Enkeln zum fünfzig Meter entfernten Spielplatz mitzugehen. Das Leben ist auf der einen Seite viel angenehmer und bequemer geworden, aber es hat auch eine bedrohliche Seite, und mit beiden muss man umgehen.

ZEIT ONLINE: Ist Angst aus Ihrer eigenen Erfahrung heraus für Politiker hinderlich, um Entscheidungen zu treffen?

Stoiber: Als Politiker hat man immer mit den Ängsten der Menschen zu tun. Angst ist eines der wichtigsten Gefühle des Menschen gerade in Zeiten großer Umbrüche. Die politischen Debatten sind stark von Ängsten dominiert, zum Beispiel der Angst der Menschen davor, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, der Angst vor Terrorismus und Extremismus oder einer Überforderung mit der Integration von Flüchtlingen. Diese Ängste prägen unsere Politik. Die Menschen haben, so belegen es auch aktuelle Umfragen, so viel Angst wie noch nie.

ZEIT ONLINE: Was kann die Politik denn tun, um der Angst der Bevölkerung vor Terror etwas entgegenzusetzen?

Stoiber: Erstens müssen wir die Menschen mit ihren Ängsten ernst nehmen und keine falschen Tabus aufstellen. Durch die hohe Anzahl von Flüchtlingen, die im letzten Jahr teilweise völlig unkontrolliert ins Land geströmt sind, ist die Angst der Menschen gewachsen, dass wir uns terroristische Kriminalität ins Land holen, was mit den Anschlägen von Ansbach und Würzburg bestätigt wurde. Diese besorgten Bürger in die rechte Ecke zu stellen, nur weil sie ihre Ängste offen äußern, ist der falsche Weg. Zweitens muss die Politik konkrete Lösungen anbieten, zum Beispiel mehr Polizisten einstellen mit einer besseren Ausstattung. Fest steht, dass wir uns auf diese neuen Herausforderungen insgesamt neu einstellen müssen.

ZEIT ONLINE: Gehört auch ein Burka-Verbot dazu?

Stoiber: Natürlich, denn in unserem Land, in unserem christlich geprägten Abendland, zeigt man die Gesichter offen. Das gehört zu unserer Leitkultur.

ZEIT ONLINE: Haben Sie schon einmal Angst davor gehabt, eine falsche politische Entscheidung zu treffen?

Stoiber: Angst hatte ich nicht, doch man wägt ab, denkt an die möglichen Folgen, die eine wichtige Entscheidung mit sich bringen kann. Ich habe mir beispielsweise vor der Entscheidung, Kanzlerkandidat zu werden, intensive Gedanken gemacht, ob ich mir diese Herausforderung zutraue. Oder nehmen Sie meine Entscheidung von 2005, nicht ins Kabinett nach Berlin zu gehen. Das sind beides schwerwiegende Entscheidungen gewesen, über die ich lange nachgedacht habe.

ZEIT ONLINE: Die Politik kann die Ängste der Bevölkerung vor Überfremdung ausnutzen, um sich zu profilieren, es gibt Parteien, die mit der Angst vor Überfremdung für ihre Politik werben.Rechtspopulisten sind europaweit auf dem Vormarsch.

Stoiber: Die rechtspopulistischen Parteien schüren Angst. Sie werden nicht wegen ihrer Lösungen gewählt, sondern aus Protest. Die überwältigende Mehrheit derer, die der AfD die Stimme geben, geben sie ihr nicht, weil sie glauben, das Personal der AfD wäre besser als die anderen. Sie wählen sie nur, weil sie mit der Entwicklung der gegenwärtigen Politik nicht einverstanden sind.

ZEIT ONLINE: Ist es legitim, das Thema „Angst vor Überfremdung“ in die politische Programmatik aufzunehmen, weil das die Sorge der Menschen widerspiegelt, oder birgt das die Gefahr, die Angst weiter zu schüren?

Stoiber: Wenn ein Großteil der Bevölkerung Angst vor zu viel Zuwanderung hat, müssen wir das sehr ernst nehmen. Es wäre für die Demokratie äußerst nachteilig, wenn Diskussionen darüber nicht öffentlich geführt werden, sondern nur zu Hause oder am Arbeitsplatz, im privaten Umkreis. Eine verantwortungsvolle Politik darf aber nicht nur mit Angstszenarien arbeiten, sondern muss vor allem Hoffnung machen: Hoffnung auf Zukunft, auf Lösungen, darauf, etwas besser zu machen. Wenn wir dies nicht mehr formulieren, sondern nur noch Ängste schüren, sehe ich schwarz.

Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-08/edmund-stoiber-terrorismus-angst-sicherheit

Stoiber schließt eigenen CSU-Kanzlerkandidaten nicht aus

Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber ist mit der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel erneut hart ins Gericht gegangen. „Merkel nimmt die Ängste der Bürger nicht ernst genug“, sagte Stoiber im Interview mit dem Spiegel.

Offen ließ Stoiber zudem, ob die CSU bei den kommenden Bundestagswahlen einen eigenen Kanzlerkandidaten stellt. „Die Frage kann ich derzeit nicht beantworten. Wir müssen zunächst inhaltlich noch einiges tun“, sagte Stoiber.

Spätestens seit den Anschlägen von Würzburg und Ansbach sei klar, „dass die unkontrollierte Zuwanderung auch ein Sicherheitsproblem bedeutet“. In der Forderung nach einer Obergrenze würde sich der „zentrale Unterschied“ zwischen Merkel und Seehofer manifestieren. Die Umfragen würden zeigen, „dass mittlerweile Horst Seehofer und nicht Angela Merkel den Mehrheitswillen der Bevölkerung ausdrückt“, sagte Stoiber.

Quelle: http://www.pnp.de/nachrichten/bayern/2183964_Stoiber-schliesst-eigenen-CSU-Kanzlerkandidaten-nicht-aus.html

Stoiber: Pauschaler Ruf nach mehr Europa falsche Antwort auf Brexit-Votum

Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) hat die Europäische Union davor gewarnt, nach dem Brexit-Votum auf noch mehr Zentralisierung zu setzen: „Der pauschale Ruf nach mehr Europa, mehr Integration, den man jetzt von Kommissionschef Jean-Claude Juncker, Parlamentspräsident Martin Schulz und anderen hört, ist die absolut falsche Antwort“, sagte der CSU-Ehrenvorsitzende dem „Handelsblatt“ (Freitagsausgabe).

Auf jede ungelöste Krise gebe es die reflexhafte Forderung nach einem „Mehr an Europa“. Viele Bürger wollten aber das genaue Gegenteil. „Wenn Herr Juncker und Herr Schulz der Zentralisierung das Wort reden, dann schaden sie Europa. Ich kann hier nur Altkanzler Helmut Kohl zitieren, ein großer Europäer, der jüngst eine Atempause für Europa gefordert hat“, sagte Stoiber. Kritisch sieht Stoiber vor allem die Reaktion Junckers auf das Brexit-Votum, der die Briten zum schnellen Austritt drängte und auf die Frage, ob sich etwas in Brüssel ändern müsse, antwortete: „No.“ „Da hat Brüssel den Schuss aus Großbritannien nicht gehört.

So kann man auch nicht mit den Briten umgehen, die Zeit brauchen, um sich neu aufzustellen“. Herr Juncker und auch Herr Schulz müssten doch als erfahrene Politiker wissen, wie schwierig die Situation nach einer solchen Niederlage sei. „Die gesamte politische Landschaft wird in Großbritannien neu vermessen. Da kann ich nicht einfach aus Verbitterung oder Wut den Druck noch erhöhen“, sagte Stoiber. Laut dem CSU-Ehrenvorsitzenden ist das Vertrauen in die Lösungskompetenz der EU-Kommission auf ein Minimum geschrumpft.

Quelle: http://www.all-in.de/nachrichten/deutschland_welt/politik/Stoiber-Pauschaler-Ruf-nach-mehr-Europa-falsche-Antwort-auf-Brexit-Votum;art15808,2319277

„Hört auf uns!“ Stoiber trifft Gauweiler auf der Bühne

München – „CSU – wie weiter?“ heißt die öffentliche Diskussion im Festsaal des Hotels Bayerischer Hof. Flüchtlingskrise, EU-Krise: Der tz erzählen die beiden Politiker, welche Antworten sie auf diese Probleme sehen.

Seit mehr als 20 Jahren standen die beiden CSU-Granden Edmund Stoiber und Peter Gauweiler nicht mehr zusammen auf einer Bühne. Gauweiler hatte dem damaligen CSU-Chef Stoiber lange nicht verziehen, dass er ihm 1994 in der „Kanzlei-Affäre“ keine Rückendeckung gewährt und den damaligen Umweltminister zum Rücktritt gedrängt hatte. Am Donnerstagabend, 19.30 Uhr, können die Münchner die beiden streitbaren CSU-Urgesteine wieder zusammen erleben. „CSU – wie weiter?“ heißt die öffentliche Diskussion im Festsaal des Hotels Bayerischer Hof. Flüchtlingskrise, EU-Krise: Der tz erzählen die beiden Politiker, welche Antworten sie auf diese Probleme sehen.

Edmund Stoiber: Die kleinen Leute nicht vergessen

„CSU – wie weiter?“ ist die Diskussion am heutigen Donnerstag im Bayerischen Hof am Promenadeplatz überschrieben. Weiter in Richtung Mitte? Oder nach rechts, wo die AfD der CSU Stimmen wegzunehmen droht?

Edmund Stoiber: Es geht weniger um rechts oder links. Es geht vielmehr darum, wie wir uns den Herausforderungen in der Politik stellen. Was sind die wichtigsten Themen, die die Leute bewegen? Die CSU will alle erreichen – das Bildungsbürgertum, aber auch die bildungsferneren, sozial schwächeren Schichten. Letztere werden von der etablierten Politik, ich sag jetzt mal: mit Ausnahme der CSU, kaum noch erreicht. Diese Entwicklung gibt es in allen Ländern – auch in Großbritannien waren es vor allem die „kleinen Leute“, die der sogenannten politischen Elite mit dem Brexit die rote Karte gezeigt haben.

Rechts von der CSU ist mit der AfD eine neue Kraft entstanden. Wie sollte die CSU damit umgehen?

Stoiber: In Frankreich, Großbritannien, Italien, ja in ganz Europa haben sich solche rechtspopulistischen Kräfte entwickelt. Wir als CSU stemmen uns dagegen, indem wir alle Themen offen benennen und die Sorgen der kleinen Leute aufnehmen. Bei einer europa­weiten Umfrage der EU-Kommission sagten 58 Prozent der befragten Europäer, aber auch mehr als die Hälfte der Deutschen: Die Flüchtlingsfrage sei ihre größte Sorge. Da müssen wir offen über die kulturellen Probleme sprechen, wir müssen auch über die immensen Integrationskosten sprechen, die wir für die Flüchtlinge aufbringen wollen. Und wir müssen über die offenkundig schleppende Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt sprechen. Die Repräsentanten der Wirtschaft, nicht irgendwelche Linke, haben immer gesagt, dass die Flüchtlinge gut für Deutschland seien, weil sie den Arbeitskräftemangel lösen, den wir haben. Und dann lese ich: Die Dax-Konzerne, die fast vier Millionen Arbeitnehmer beschäftigen, haben bisher ganze 54 Flüchtlinge eingestellt! Das sind die Dinge, die die Menschen nicht verstehen.

Bayerns einstiger Kultusminister Hans Maier warnt die CSU: „Die Rhetorik von Pegida und AfD zu übernehmen, ist tödlich.“ Wie sehen Sie das?

Stoiber: Wer in der CSU übernimmt das denn? Diese Vorwürfe verstehe ich nicht. Die CSU hat ja dafür gesorgt, dass die rechtsextreme NPD 1970 wieder aus dem Bayerischen Landtag flog und die rechtspopulistischen Republikaner in den 80er- und 90er-Jahren keine Chance hatten, ins bayerische Parlament zu kommen. Es ist die Stärke der CSU, dass wir so viel in diesem Land mitgeprägt haben. Wir haben während mehr als zwei Drittel der Nachkriegszeit die alleinige Regierungsverantwortung in Bayern getragen. Wenn wir Themen wie die Flüchtlingsfrage oder die Stellung des Islam in Deutschland differenziert ansprechen, wird das ganz anders wahrgenommen, als wenn rechte Populisten so etwas sagen.

CSU-Größen wie Hans-Peter Uhl kritisieren, dass Politiker wie Gerhard Schröder, aber auch Sie Präsident Putin zu sehr hofieren. Wie sehr entzweit die Russland-Politik die CSU?

Stoiber: Das entzweit die CSU nicht. Es ist Konsens in der CSU, dass die Krim-Annektion, das Schüren von Unruhen in der Ost­ukraine oder die Agitationen der russischen Medien nicht zu akzeptieren sind. Aber Fakt ist auch, dass Russland nicht nur Teil des Problems, sondern auch Teil der Lösung ist. Der Atomvertrag mit dem Iran konnte ohne Russland nicht erreicht werden, Ukraine hin oder her. Auch der Syrien-Krieg kann ohne Russland nicht beendet werden. Deswegen brauchen wir Russland auch als Partner.

Sollte die CSU für die Bundestagswahl im Herbst 2017 eine Kanzlerkandidatin ­unterstützen, die Angela Merkel heißt?

Stoiber: Die Frage hat Horst Seehofer ja beantwortet: Das ist erst nächstes Jahr, und Frau Merkel hat sich noch nicht einmal erklärt, ob Sie kandidieren will.

Peter Gauweiler: Rechts und Links ergänzen sich

In der Gesprächsreihe im Bayerischen Hof haben Sie zuletzt mit Oskar Lafontaine diskutiert. Mit wem gibt’s mehr Gemeinsamkeiten: mit dem Linken Lafontaine oder mit Ihrem Parteifreund Edmund Stoiber?

Peter Gauweiler: Bei allem, was mich mit Lafontaine verbindet: Stoiber und ich sind nicht nur in der gleichen Partei – wir haben in einer entscheidenden Phase unseres politischen Lebens die gleiche Prägung erfahren. Meine letzte Veranstaltung mit Edmund Stoiber liegt allerdings 20, 25 Jahre zurück. Da war mal was … Der Witz der heutigen Veranstaltungsreihe liegt darin, eine politische Gesprächskultur anzubieten, nicht nur die Gemeinsamkeiten eines Parteiprogramms herunterzubeten.

„CSU – wie weiter?“ – so ist die Veranstaltung überschrieben. Ihre Antwort auf die Frage?

Gauweiler: Man muss sich auf die CSU mehr verlassen können als auf andere Parteien. Für mich war die CSU immer eine gaullistische Partei, nach General De Gaulle in Frankreich: eine Rechts-Links-Mischung der besonderen Art. De Gaulle hat seine eigene Partei „Sammlungsbewegung“ genannt. De Gaulle betonte die Solidarität mit dem eigenen Land, aber trotzdem war er ein europäisch und global denkender und handelnder Mann. Deshalb verstehe ich mich auch mit Lafontaine, um auf Ihre vorherige Frage zurückzukommen. Rechts und Links sind nicht nur Gegensätze, sondern Ergänzungen.

Wie muss sich die Europapolitik der Christsozialen nach dem Brexit ausrichten?

Gauweiler: Angela Merkel hat noch kurz nach Ihrem Amtsantritt ganz anders argumentiert als heute. Damals sagte sie: Weniger Europa ist mehr Europa. Im Gegensatz zu ihr ist das meine Meinung bis heute: Die „Währungs­union“ von Maastricht mit der faktischen Haftungs- und Schuldenunion sowie der Schengen-Vertrag mit dem faktischen Aufgeben der Schutzfunktion unserer Grenzen – das war zweimal des Guten zu viel. Sie wissen, dass ich mit dieser Bewertung, als diese Verträge geschlossen wurden, ziemlich allein stand. Heute ist dies Allgemeingut. Das wirklich Gute am Brexit ist, dass die EU-Mitglieder während der zweijährigen vertraglichen Trennungsprozedur gezwungen sind, gründlicher nachzudenken, weil sie jetzt handeln müssen.

Dieses Nachdenken führt aber schon jetzt zu unterschiedlichsten Ergebnissen: Die einen sagen, wir brauchen erst recht ein stärker demokratisch legitimiertes, mächtigeres EU-Parlament. Was auch heißt: Weniger Macht für die Nationalstaaten …

Gauweiler: Es hat sich gezeigt, dass der Traum der Vereinigten Staaten von Europa in der Wirklichkeit zu immer weniger Demokratie und Rechtstaatlichkeit geführt hat. Bei der Unterordnung unseres Erdteils unter das Gouvernement eines Zentralkomitees kamen Demokratie, Gewaltenteilung und Selbstbestimmung zu kurz. Und überstaatlich ist nicht die EU das Maß aller Dinge, sondern das, was man „Globalisierung“ nennt. Die Menschen sind stolz darauf, wenn ihre Kinder in Asien oder Australien ihr Praktikum machen können. Sie wollen aber andererseits gerade die öffentlichen Dinge in ihrer realen Umgebung, ihre Beheimatung mehr schützen, mitbestimmen und nicht entgleiten lassen. Was die „Vertiefung“ der EU angeht: Niemand sagt: Super, wir zahlen jetzt für die Ausgaben aller andern Länder mit, wir hängen alle Haustüren aus und haften kontinental für alle öffentlichen Schulden, auch wenn sie unbezahlbar sind. Im Gegenteil: Es herrscht das Gefühl, da ist etwas fürchterlich schief gelaufen. Und trotzdem weitermachen wie bisher, nur noch heftiger, das halte ich für riskant.

CSU-Politiker wie Sie kritisieren die EU und TTIP – aber die Regierung, an der die CSU beteiligt ist, macht dann doch das, was vorher kritisiert wurde. Verärgert das nicht die Wähler?

Gauweiler: Und wie! Man kann nicht sagen: Der Zug fährt in die falsche Richtung, dann setze ich mich halt ins letzte Abteil. In Berlin als Regierungspartei das Gegenteil von dem geschehen zu lassen, was vorher in München versprochen wurde, macht keinen verlässlichen Eindruck.

Redakteur: Klaus Rimpel E-Mail:Klaus.Rimpel@tz.de

Quelle: http://www.tz.de/politik/stoiber-trifft-gauweiler-buehne-tz-sprach-ihnen-6549623.html